Seite - 572 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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572 | Alexander Prenninger
habe ja nix gehabt. Und da haben sie mich in St. Pölten rausgeholt und haben mich dann als
Deserteur eingesperrt.»95
Etwa zwei Wochen wurde er im Gefängnis von St. Pölten festgehalten und verhört und
Mitte Februar nach Mauthausen gebracht, wo er hoffte, seinen Vater wieder zu treffen.96
Der Transport war jedoch nach Mittelbau-Dora weitergeleitet worden. Kleinmann war
es allerdings gelungen, seine tätowierte Auschwitz-Nummer zu verbergen, und wurde
als politischer Häftling registriert.
Noch erschreckender als die tagelangen Fußmärsche und Bahnfahrten in Eis und
Schnee war für manche Häftlinge das, was sie in Mauthausen erwartete. Jakob Maestro
erinnert sich, dass der Zug in der Nacht ankam und tausend Häftlinge in eine Baracke
gepfercht wurden. Am nächsten Tag wurde er in das Zeltlager verlegt, wo er sich zu-
mindest frei bewegen konnte :
«Dort – der erste, dem ich dort begegnete, auf dem Boden sitzend und aufgedunsen wie eine
Trommel, war Chaim Matalon. […] Ich habe ihn gefragt : ‹Chaim, du bist es ?› Er sagt : ‹Ja,
das bin ich, Chaim Matalon.› Wir haben einander erkannt und er sagt mir/ich sagte zu ihm :
‹Was gibt’s, Chaim ?› Man konnte sich nicht auf seine Worte verlassen. Er war anscheinend vor
Hunger/er war aufgedunsen, wie ich gesagt habe, aber sprach auch nicht zur Sache. ‹Sehe, wir
werden hier sterben. Ich sitz hier schon einige Tage, ich weiĂź nicht mehr, woher ich gekom-
men bin.› Ich habe begriffen, dass die Lage mies ist.»97
Für Karl Brozik war die erste Zeit in Mauthausen «fürchterlich» ; er erinnert sich, dass
die Häftlinge «stundenlang in der Kälte» stehen mussten, und «es gab viele, die da
umfielen und es nicht durchhalten konnten».98 Auch der Platzmangel in den Baracken
ist ihm in Erinnerung : er schätzt, dass etwa 800 Personen in eine Baracke gepfercht
wurden und das Schlafen dadurch kaum möglich war. Agnes Frank schildert die Zu-
stände in Mauthausen als «schreckenerregend» und «unheimlich» ; «alles war ganz
schön desorganisiert».99 Die meisten der von Auschwitz nach Mauthausen evakuierten
Häftlinge wurden in den folgenden Tagen und Wochen vom Stammlager in die Außen-
lager überstellt. Jakob Maestro, der in Mauthausen am 25. Jänner eintraf, wurde bereits
zusammen mit 2000 Häftlingen nach Melk gebracht. Zwei Transporte aus Auschwitz
und GroĂź-Rosen wurden nach kurzem Halt in Mauthausen sofort nach Ebensee wei-
95 AMM, MSDP, OH/ZP1/125, Interview mit Fritz Kleinmann, Interviewerin : Helga Amesberger, Wien,
22. 10. 2002, Transkript, Z. 1029–1039.
96 Vgl. AMM, E/13/11/12. Laut der Veränderungsmeldung vom 15. Februar wurden drei Häftlinge aus
Groß- Rosen und zwölf Häftlinge aus Auschwitz registriert. Wahrscheinlich handelte es sich auch bei den
übrigen Auschwitz-Häftlingen um Flüchtlinge.
97 AMM, MSDP, OH/ZP1/299, Interview Maestro, Z. 1902–1909.
98 AMM, MSDP, OH/ZP1/232, Interview Brozik, Z. 387–390.
99 AMM, MSDP, OH/ZP1/751, Interview Frank de Klein, Z. 1104–1108.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen