Seite - 575 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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575Evakuierungslager
Mauthausen |
rungsmarsch Richtung Stammlager evakuiert worden war. Auf dem etwa 150Â Kilome-
ter langen Marsch wurden mindestens 40 Häftlinge getötet ; mehrere Hundert starben
an Erschöpfung. Nach der Ankunft in Sachsenhausen wurden weitere 400Â
Häftlinge er-
mordet. Die in Lieberose zurückgebliebenen 1350 kranken Häftlinge wurden dort vom
2. bis 4Â Februar ermordet.102 Nach der Ankunft des ersten Transports in Mauthausen
wurden etwa 200 bis 300 alte und kranke Häftlinge ausgesucht, die stundenlang nackt
bei der «Klagemauer» stehen mussten bzw. in sogenannten «Badeaktionen» ermordet
wurden.103 Iwan Sapirin, der als Zwangsarbeiter aus dem Donbass nach Deutschland
verschleppt und nach einem Fluchtversuch in das KZ Sachsenhausen eingewiesen wor-
den war, kam mit dem zweiten Transport nach Mauthausen und erinnert sich daran :
«Als wir angekommen sind in Mauthausen, haben wir wirklich lange, ganze Tage wahrschein-
lich, gewartet, dann wurden wir in den Waschraum gebracht und aus dem Waschraum ist die
Hälfte schon nicht mehr rausgekommen. Als wir rausgingen, haben sie bei einem ein Kreuz
gemalt, bei einem anderen einen Strich, na ich glaube, mich hat nur gerettet, dass ich etwas
größer war […]. Ja, und als wir rausgingen, auf das FeldÂ
… waren wir total nackt und draußen
ist Februar-Kälte, ne, wir haben fünf Stunden auf dem Fahrdamm gestanden. Und die einzige
Rettung war nur, dass wir uns aneinandergedrückt haben, haben uns irgendwie gewärmt.
Und dann wurden wir in den Block gelassen, da war’s schon dunkel.»104
Die Ermordung der Kranken und Schwachen konnte, wie die beiden Transporte aus
Sachsenhausen zeigen, sowohl am Anfang wie auch am Ende der Evakuierung gesche-
hen. Die Mordaktionen standen in keinem direkten Zusammenhang mit der Durch-
fĂĽhrung der Evakuierungstransporte ; es handelte sich vielmehr um eine Methode, die
Zahl der Häftlinge im Lager zu reduzieren. Der deutsche Historiker Bernhard Stre-
bel hat gezeigt, dass die Lagerleitung von RavensbrĂĽck drei Methoden anwandte, um
Häftlinge in dem durch Evakuierungen völlig überfüllten Lager wieder loszuwerden :
Bestimmte Gruppen von Häftlingen wurden entlassen, mindestens 10.000 weibliche
und 4200 männliche Häftlinge in andere Lager überstellt und über 10.000 Häftlinge
ermordet.105
102 Andreas Weigelt : Lieberose, in : Wolfgang Benz/Barbara Distel (Hg.), Der Ort des Terrors. Bd. 3 : Sach-
senhausen – Buchenwald, München 2006, S. 224–229, v. a. 227. Vgl. ders.: «Komm, geh mit ! Wir gehn
zum Judenerschießen …» Massenmord bei der Auflösung des KZ-Außenlagers Lieberose im Februar
1945, in : Dachauer Hefte 20 (2004), S. 179–193.
103 Vgl. die Zeugenaussage von Maurice Lampe in International Military Tribunal (Hg.) : Der Prozess
gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof, Bd. 6, Nürnberg 1947
[Nachdruck 1989], S. 210–212, Vernehmung Maurice Lampe.
104 AMM, MSDP, OH/ZP1/651, Interview mit Iwan Dimitrijewitsch Sapirin, Interviewerin : Irina Ostrows-
kaja, Wolgograd, 23. 10. 2002, Ăśbersetzung, o. S. (S. 7).
105 Strebel, KZ RavensbrĂĽck, S. 460.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen