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576 | Alexander Prenninger
Ravensbrück–Mauthausen
In Ravensbrück wurde am 2. März 1945 auch ein Transport nach Mauthausen zusam-
mengestellt, der dort fünf Tage später eintraf. 1799 weibliche Häftlinge wurden in
den Stand des Frauenkonzentrationslagers Mauthausen aufgenommen.106 In diesem
Transport befanden sich vor allem Schutzhäftlinge (über 60 %) und «Zigeunerinnen»
(über 20 %). Die größte nationale Gruppe bildeten 578 französische Frauen, die zum
Großteil als Nacht-und-Nebel-Häftlinge nach Ravensbrück gekommen waren und
lange Haftwege in zahlreichen Gefängnissen und Lagern hinter sich hatten. Unter den
468 Frauen und Kindern deutscher Staatsangehörigkeit befanden sich viele Roma und
Sinti. Auch die 291 Belgierinnen waren hauptsächlich Nacht-und-Nebel-Häftlinge.107
Zwischen 20 und 120Â Frauen sollen den Transport nicht ĂĽberlebt haben.108 Ăśberle-
bende geben an, dass am Bahnhof Tote ausgeladen und die im Sterben liegenden Häft-
linge sofort erschossen wurden. Hans Maršálek berichtet, dass er als Mitglied des Auf-
nahmekommandos gesehen habe, dass viele Kleinkinder von Roma- und Sinti-Frauen
von SS-Angehörigen erschlagen worden sind.109 Auch nach der Aufnahme gab es bis
20. März noch 24 Todesfälle. Die Lagerleitung entschied außerdem, dass nur arbeitsfä-
hige Frauen in Mauthausen bleiben sollten. Alle alten Frauen und Frauen mit Kindern
wurden am 17. März 1945 weiter nach Bergen-Belsen geschickt. Nach Recherchen des
österreichischen Historikers Andreas Baumgartner konnten von den 692 Frauen und
Kindern dieses Transports nur 27 Häftlinge eruiert werden, die das Lager Bergen-Bel-
sen ĂĽberlebt haben.110
Der Evakuierungstransport aus RavensbrĂĽck ist durch zahlreiche publizierte Erleb-
nisberichte und Interviews außergewöhnlich gut dokumentiert. Der größte Teil dieser
Berichte stammt von französischen Frauen, die als Widerstandskämpferinnen verhaf-
tet worden waren und oft schon bald nach der Befreiung ihre Erinnerungen nieder-
schrieben.111 AuĂźerdem befinden sich im MSDP-Bestand 18Â Interviews mit Frauen,
die aus Ravensbrück nach Mauthausen gekommen sind. Die Erzählungen über den
Transport nach Mauthausen unterscheiden sich in vielen Details ; es lassen sich jedoch
106 Nach Maršálek, Geschichte, S. 168, wurden tatsächlich 1981 Häftlinge aufgenommen, da Kinder mit
den Häftlingsnummern ihrer Mütter registriert wurden.
107 Baumgartner, Die vergessenen Frauen von Mauthausen, S. 166–174.
108 Strebel, KZ RavensbrĂĽck, S. 488 f.
109 Maršálek, Geschichte, S. 168, Fn. 9.
110 Baumgartner, Die vergessenen Frauen von Mauthausen, S. 166–174.
111 So z. B. Renée Mirande-Thomas : De Ravensbruck à Mauthausen, Paris 1946 ; Suzanne Wilborts : Pour
la France. Angers, la Santé, Fresnes, Ravensbrück, Mauthausen, Paris 1946 ; Suzanne Busson : Dans les
griffes nazies … Angers, Fresnes, Ravensbrück, Mauthausen, Le Mans 1946/52, unter den jüngeren
Veröffentlichungen v. a. Gisèle Guillemot : Entre parenthèses : de Colombelles (Calvados) à Mauthausen
(Autriche), 1943–1945, Paris 2001 (Mémoires du XXe siècle), deutsche Ausgabe u. d. T. Zwischenleben.
Von Colombelles nach Mauthausen, 1943–1945, Berlin 2020 ; Marie-José Chombart de Lauwe : Toute
une vie de résistance, Paris 2007 [1998].
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen