Seite - 580 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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580 | Alexander Prenninger
«Und das war so erniedrigend, nicht weil ich mich vor meiner Mutter ausziehen musste, son-
dern sie vor mir. Und dann vor diesen Männern, vor den SS-Soldaten, das bleibt haften. Man
fühlt sich unglaublich verletzt. Und darum ging es ja auch, nicht, einen möglichst viel zu er-
niedrigen, sodass man sich nicht mehr als Mensch fĂĽhlte. Das war ja auch ihr Ziel, dich total,
total, so, dass man nicht mehr wusste, wie es weitergehen soll, damit man zugrunde geht. Und
sie schaffen es letztendlich auch. Man weiĂź nicht mehr, wie es weitergehen soll, zumal wenn
man krank wird. Und dann endet man zusammen auf einem Haufen. Wie wir auch schon
gesehen hatten, als wir angekommen sind.»123
FĂĽr die meisten Frauen in den MSDP-Interviews bedeutete der Transfer nach Maut-
hausen eine weitere Verschlimmerung ihrer Situation. «Ravensbrück war schlimm,
aber das war noch schlimmer – dieses Mauthausen», erzählt Adri Hoogstadt, die sich
freiwillig fĂĽr den Transport gemeldet hatte, um mit ihrer Mutter zusammenbleiben zu
können.124 Jeanne Bonneaux schöpfte beim Anblick der schönen Landschaft zunächst
Hoffnung :
«Als, als ich mich unter diesem großen, blauen Himmel von, ähm/ der Donau, von/ Öster-
reich wiederfand – so wundervoll und so schön. Ich erinnere mich nicht mehr, dort müssen
Berge gewesen sein. Daran erinnere ich mich nicht mehr. Aber, ähm, das war so plötzlich,
das war/. Und ich sagte : Das überleben wir. Sehen Sie, das hat mir – neue Hoffnung gegeben,
obwohl ich so schlimm krank war.»125
Ihre ersten Erlebnisse im Lager brachten sie jedoch, wie sie sagt, «auf den Boden zu-
rück».126 Yvonne Kieffer kam mit einer Freundin ins Lager, die ihr beim Anblick des
rauchenden Schornsteins zuflüsterte : «Von dort drinnen kommen wir nur mehr so
klein mit Hut raus.»127 Raisa Tobišková war beim Anblick des Lagers völlig verzweifelt ;
sie erzählt mit bewegter Stimme, wie ihr Mithäftlinge neue Hoffnung gaben :
«Ich sagte mir/hatte so ein Gefühl : Gott, ich ? ! Soll ich nicht mehr leben ? ! Na und jetzt gingen
wir durch das Tor durch, dort geht man gleich nach rechts so an der Wäscherei vorbei, und
jetzt rannten die Männer-Häftlinge zu uns, ja, und sie brachten in Kochkesseln Kaffee für
uns, also, wir hatten so Schalen, also, ungefähr zwei Liter, emaillierte. Ich erinnere mich, wie
ich es in mich hineingegossen habe und die Männer sind in unsere Reihen und umarmten
123 AMM, MSDP, OH/ZP1/543, Interview mit Lucia Rombaut, Interviewer : Frank Aarts, Antwerpen, 15. 12.
2002, Ăśbersetzung, S. 13.
124 AMM, MSDP, OH/ZP1/215, Interview mit Adri Hoogstadt, Interviewer : Frank Aarts, Rotterdam, 23. 6.
2002, Ăśbersetzung, Z. 120 f.
125 AMM, MSDP, OH/ZP1/326, Interview Bonneaux, Z. 2791–2796.
126 Ebd., Z. 2800–2810.
127 AMM, MSDP, OH/ZP1/310, Interview mit Yvonne Kieffer, Interviewerin : Maryline Tranchant, Saint-
Jean-de-Losne, 26. 9. 2002, Ăśbersetzung, Z. 117 f.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen