Seite - 583 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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583Evakuierungslager
Mauthausen |
von Bergen-Belsen ; ein großer Teil dieser Frauen war im Zuge der Evakuierung von
Auschwitz nach Bergen-Belsen gebracht worden.134
Als am 12. April 1945 die 3. US-Armee Erfurt besetzte und weiter Richtung Chem-
nitz vorrückte, wurde der Evakuierungsbefehl für beide Lager ausgegeben. Am 13. oder
14. April begann die Evakuierung. Die Frauen mussten zu den nächstgelegenen Bahn-
höfen marschieren. Die Häftlinge des Lagers Venusberg wurden in geschlossene Gü-
terwaggons verladen, jene aus Freiberg dagegen in offene Waggons. Beide Züge fuh-
ren Richtung Süden in das Sudetenland und wurden nach drei bis fünf Tagen Fahrt in
Třebušice (Triebschitz), einem Vorort von Most (Brüx), zusammengeschlossen. Wäh-
rend des Aufenthalts waren auch zahlreiche Tote aus den Waggons geholt worden. Ein
nach der Befreiung exhumiertes Massengrab in Třebušice enthielt 206 Leichen, da-
von 42 Frauen, die wahrscheinlich aus Venusberg stammten. Die weitere Fahrtroute
führte zunächst Richtung Südwesten – möglicherweise war das Stammlager Flossen-
bürg zunächst als Evakuierungsziel geplant –, schwenkte dann jedoch nach Süden.
Über Pilsen und entlang des Böhmerwalds führte die Route weiter nach Budweis und
endete in St. Georgen an der Gusen. Unklar ist, ob die beiden Transporte gemeinsam
ankamen oder unterwegs wieder getrennt wurden. Auf der Strecke gab es mehrere
Aufenthalte, auf denen die Toten ausgeladen wurden. Die Ankunft in Gusen erfolgte
wahrscheinlich am 29. April. Von Gusen mussten die Überlebenden zu Fuß in das
Stammlager gehen.
Von den Überlebenden dieses Transports wird dieser als der schrecklichste in ih-
rer Deportationsgeschichte bezeichnet. Die Berichte unterscheiden sich aber in vielen
Details, sowohl was Beginn und Ankunft in Mauthausen anbelangt als auch über die
Fahrtroute und die Todeszahlen während des Transports, die zwischen 10 und 90 Pro-
zent variieren. Äußerst disparat sind die Erzählungen auch über den Fußmarsch von
Gusen nach Mauthausen : Manche erinnern sich an Erschießungen, andere schließen
dies aus, wieder andere geben an, dermaßen erschöpft und apathisch gewesen zu sein,
dass sie nichts mehr wahrgenommen hätten. Aus mehreren Zeugenaussagen und
Erlebnis berichten geht hervor, dass die Marschunfähigen mit Fuhrwerken ins Stamm-
lager transportiert wurden. Trotz dieser großen Unterschiede in den Erzählungen las-
sen sich einige Gemeinsamkeiten feststellen. Zunächst sind dies beim Beginn der Eva-
kuierung die Erwartungen und Ängste der Häftlinge : Einerseits sind sich viele Frauen
bewusst, dass der Krieg bald zu Ende geht, andererseits war die Furcht weit verbreitet,
dass die Häftlinge zuletzt doch noch ermordet werden. Einige Frauen erzählen, dass sie
durch Kontakte mit deutschen Zivilarbeitern über den Kriegsverlauf informiert waren.
Irena Liebman, die mit ihrer Schwester in Freiberg war, erzählt :
134 Ich folge hier und im nächsten Absatz : Ulrich Fritz : Venusberg, in : Benz/Distel (Hg.), Ort des
Terrors, Bd. 4, S. 263–267 ; ders.: Freiberg, in : ebd., S. 113–116 ; Pascal Cziborra : KZ Venusberg : Der
verschleppte Tod, Bielefeld 2008 (Die Außenlager des KZ Flossenbürg, 3) ; ders.: KZ Freiberg : Geheime
Schwangerschaft, Bielefeld 2008 (Die Außenlager des KZ Flossenbürg, 4).
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen