Seite - 586 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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586 | Alexander Prenninger
«Als wir in die Gegend von MÀhren in der Tschechoslowakei kamen, sind dort plötzlich die
Tschechen herausgekommen. Sie waren/. Sie liefen und haben die Gleise sabotiert. Und â â
sie sagten, in KĂŒrze werdet ihr befreit werden. Das geht demnĂ€chst zu Ende, der Krieg geht
zu Ende, und sie schlugen uns vor zu fliehen, aber wohin fliehen ? Die Orte kannte man nicht.
Also es gibt solche, die sich vielleicht ausgekannt haben oder wussten, sie sind geflĂŒchtet,
aber â wem es gelungen ist, auf den wurde geschossen. Man hat viel geschossen. Es gibt viel-
leicht welche, denen es gelungen ist zu fliehen.»145
Obwohl in allen ErzÀhlungen der Frauen aus Freiberg auch vom Mangel an Wasser
und Essen die Rede ist, von der KĂ€lte in den offenen Waggons und von GeflĂŒchteten,
die ermordet wurden, wird erstaunlicherweise in keinem Interview von Toten in den
Waggons berichtet. In den ErzÀhlungen der Frauen aus Venusberg ist dies jedoch das
dominante Thema. Dagmar Dvorskå erzÀhlt : «Tote neben Ihnen, Tote auf Ihnen, denn
die Menschen starben wie die Fliegen. Das war einfach eine Todesfahrt.»146 An jeder
Station mussten die Toten ausgeladen werden. In mehreren Berichten wird deutlich,
dass durch diese UmstÀnde auch die noch Lebenden sich psychisch und in ihrem So-
zialverhalten verÀnderten. Marta Fyerlicht berichtet, dass die Frauen in den Waggons
verrĂŒckt wurden und sich gegenseitig schlugen.147 «Man war dort nur noch ein Tier»,
sagt Ann Weisbord.148 FĂŒr Dagmar DvorskĂĄ ist auf dieser Fahrt jegliche menschliche
WĂŒrde verloren gegangen.
«Wie wir so waren, in dem Transport, als wir nach Mauthausen kamen, dort war neben uns
auch, eben die Mutter dieses kleinen Kindes, das sie ins Gas geschickt hatten. Na und jahre-
lang war meine Familie mit ihr befreundet gewesen, meine Eltern mit ihnen, mit ihr. Und als
ich nicht mehr konnte, als ich hohes Fieber hatte, da, regnete es, da hat meine Mutter einen
kleinen Löffel durch das Gitter im Waggon hinausgestreckt, um damit ein bisschen Wasser
aufzufangen, und das gab sie mir, um mich zumindest ein bisschen zu befeuchten, und sie
jetzt, sie drĂŒckte sich ⊠sie war noch in verhĂ€ltnismĂ€Ăig gutem Zustand, denn sie war von
Haus aus etwas stÀrker, und so wÀlzte sie sich auf mich, und so, damit sie mehr Platz hatte,
und meine Mutter sagte zu ihr : âčIch bitte dich, siehst du denn nicht, dass mir das Kind stirbt,
und du wĂ€lzt dich noch daraufâș [bittend]Â
â âčEs soll krepieren, wenn meines gestorben ist, soll
auch das krepieren âŠâș [kĂŒhl, resolut] â und dabei waren sie jahrelang Freunde gewesen.»149
145 AMM, MSDP, OH/ZP1/045, Interview mit Lea Cohen, Interviewerin : Sarit Lazerovich, Kibbutz Parod,
6. 5. 2002, Ăbersetzung, Z. 235â244.
146 AMM, MSDP, OH/ZP1/344, Interview mit Dagmar DvorskĂĄ, Interviewerin : Zlatica NiĆŸĆanskĂĄ, Äadca,
23. 9. 2002, Ăbersetzung, Z. 118â120.
147 AMM, MSDP, OH/ZP1/298, Interview mit Marta Fyerlicht, Interviewerin : Keren Harazi, Jerusalem,
11. 7. 2002, Ăbersetzung, Z. 323â326.
148 AMM, MSDP, OH/ZP1/423, Interview Weisbord, Z. 746 f.
149 AMM, MSDP, OH/ZP1/344, Interview DvorskĂĄ, Z. 814â832.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen