Seite - 587 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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587Evakuierungslager
Mauthausen |
Die Ursache für die zahlreichen Todesfälle unter den Venusberger Frauen war eine
Typhusepidemie, die in Venusberg nach der Ankunft des Transports aus Bergen-Belsen
ausgebrochen war und bis zum Ende nicht eingedämmt werden konnte. Viele Frauen
waren zum Zeitpunkt der Evakuierung krank und apathisch. Regina Lamstein erzählt,
dass sie von zwei Freundinnen in den Waggon geschleppt werden musste und während
der ganzen Fahrt ohnmächtig war. Bei der Ankunft in Mauthausen wurde sie zusam-
men mit den Toten in das Lager transportiert :
«Wir sind angekommen, ich wusste nicht wo, jedenfalls ich konnte nicht gehen, ich konnte
nicht aufstehen. Ich saĂź ja nur mehr die ganze Zeit, ich weiĂź nicht, was der Mensch kann alles
aushalten, mit gekreuzten Beinen, also meine Knie konnten gar nicht, ja, ich konnte nicht
aufstehen. Nicht nur, weil ich mit gekreuzten Beinen, aber ich hatte keine Kraft. – – – Die
Gelenke wollen gar nicht. – – Und wer konnte raus, der ist raus, ich konnte nicht raus. Also
zusammen mit den, mit den Toten hat man mich auf eine – Fuhre reingeschmissen. – – Das
sieht so aus, jemand nimmt dich an, so an die Hände und der andere an die Beine, gsch gsch
zack, auf die Fuhre. Egal, lebst du noch oder lebst du nicht, Hauptsache es ist egal, wer du
bist.»150
«Nicht tot und nicht lebendig», beschreibt Marta Fyerlicht ihren Zustand bei der An-
kunft in Mauthausen.
Evakuierung bis zum Ende (April/Mai 1945)
Auch in den allerletzten Tagen des Krieges rollten EvakuierungszĂĽge kreuz und quer
durch die noch nicht von den Alliierten eroberten Gebiete nach Norden und SĂĽden.
So trafen noch Anfang Mai 1945 in den AuĂźenlagern Steyr und Ebensee drei SS-Bau-
brigaden bzw. SS-Eisenbahnbaubrigaden ein, die als «rollende KZ» in Eisenbahnzü-
gen untergebracht und zu Bau- und Instandsetzungsarbeiten mobil eingesetzt worden
waren.151 Welche Odyssee manche Häftlinge hinter sich hatten, zeigt die in Steyr am
1. oder 2. Mai ankommende SS-Baubrigade I. Nach der Landung der Alliierten in der
Normandie im Juni 1944 wurde die beim Bau des Atlantikwalls auf der Kanalinsel
Alderney eingesetzte Baubrigade in einem vierwöchigen Transport quer durch Frank-
reich nach Belgien evakuiert, wo die Häftlinge beim Bau von Abschussrampen für V1-
Raketen eingesetzt wurden. Anfang September wurde Belgien von den alliierten Ar-
meen befreit. Mitten im Kriegsgeschehen und im Chaos der allgemeinen Flucht fand
die zweite Evakuierung der Baubrigade statt. Ziel war nun ThĂĽringen. Anfang April
150 AMM, MSDP, OH/ZP1/585, Interview mit Regina Lamstein, Interviewer : Alexander von Plato, Frank-
furt a. M., 18. 2. 2003, Transkript, Z. 889–899.
151 Joachim Henning : Rollendes KZ. Die 12. SS-Eisenbahnbaubrigade im Kamp/Rhein, Bad Kreuznach
u. a., in : Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 41 (2015), S. 591–661.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen