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3-5- Die Musik 215
die Notenwerte und die interpretierte Schwere erreicht. Steiner hat die Notenwerte der
Hymne verdoppelt, also aus der punktierten Viertelnote des ersten Taktes macht er eine
punktierte Halbe, aus den Achteln macht er Viertel. Im Verhältnis zum vorangehenden
Dreivierteltakt zieht er in etwa einen gleichbleibenden Grundpuls durch, da die Vier-
tel des Dreivierteltaktes in Tempo 124 ungefähr den Vierteltriolen in Tempo 100 ent-
sprechen. Es liegen lediglich tempomäßig „gefühlte" Welten zwischen diesen drei Teilen;
technisch-musikalisch sind sie nahe beieinander. Damit dieser Höreindruck der quälen-
den Langsamkeit entsteht, ist es wichtig, wie die geschriebene Partitur interpretiert wird.
Da ist der Dirigent gefragt. So entsteht aus einer scheinbar einfach konstruierten musi-
kalischen Logik ein dramaturgisch überzeugendes Stück Musik.
Die Melodie unterlegt Steiner mit verminderten Akkorden, und zwar zunächst E ver-
mindert, dann G vermindert und zum Schluss B vermindert. Sie verliert dadurch alles
Glanzvolle, das einer Hymne eigentlich innewohnt, und bekommt etwas Ungewisses,
Bedrohliches. Dieses Ungewisse wird dadurch verstärkt, dass auch hier nur ein kleiner
Abriss des ganzen Themas kommt. Diesen sequenziert Steiner um einen Ganzton nach
oben. Er erhält so eine achttaktige Passage.
Da diese verminderten Akkorde dieselben Töne enthalten, bekommt diese Folge den
Charakter von Umkehrungen. Der Bass jedoch folgt nicht dem harmonischen Rhyth-
mus der Harmoniestimme, der zunächst zweitaktig und dann zweimal eintaktig ist. Zu-
nächst bleibt das F in der Bassstimme, als Pedalton. Im vierten Takt jedoch haben wir
ein Fis, was ein überraschendes Spannungsmoment bedeutet. Die gleiche Idee verwendet
Steiner auch in der Sequenz einen Ganzton höher, also mit den Harmonien F#, A und C
vermindert.
Im zweiten Takt beugt er die Melodie wegen des verminderten Akkordes nach B.
Das C im nächsten Takt ist bereits ein Spannungston (tension) in Bezug auf den Akkord
Gdim. Das Gleiche im nächsten Takt. Das A ist ein Spannungston von Bbdim. Dies,
verbunden mit der chromatischen Bassfortschreitung, die den Charakter eines Vorhal-
tes bekommt, bedeutet im energetischen Sinn eine wachsende Spannung im Verlauf der
Melodie.
Der Filmkomponist Max Steiner
1888 - 1971
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Der Filmkomponist Max Steiner
- Untertitel
- 1888 - 1971
- Autor
- Peter Wegele
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 302
- Schlagwörter
- Film Music, Biography, Cinema, Musical science, Musicology, History of Music
- Kategorie
- Biographien