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90 Mobile Culture Studies. The Journal 1 2o15
Sabine August | Schweizer auf dem Weg nach Amerika
wurden zudem regelmäßig über die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und klimatischen
Verhältnisse in den verschiedenen Ländern informiert. Einen festen Platz hatten Auswande-
rer-Statistiken, Angaben über Schweizer Konsulate sowie Namen und Berichte verschiedener
Konsuln. Der immer noch existierende Sklavenhandel sowie Auseinandersetzungen mit der
indigenen Bevölkerung waren immer wieder ein Thema, wie auch aktuelle Ereignisse rund um
Schiffsunglücke oder Nachrichten der Schweizerischen Wohlfahrtsgesellschaften, die sich um
verarmte Auswanderer kümmerten.
Ab 1850 wurden für die Überfahrt in Inseraten geworben und von Auswanderungsagentu-
ren wie beispielsweise „Agustoni“ in St. Gallen oder „Zwilchenbart“ in Basel als Gesamtpaket
mit Eisenbahnfahrt zu den großen europäischen häfen angeboten. Die Auswanderungsagen-
ten waren Verbindungsglieder zwischen den potentiellen Auswanderern, dem Beförderer und
zum Teil auch den Regierungen oder Grundbesitzern in Amerika, die Siedler suchten. Auch
Kolonisationsvereine warben um Auswanderer in Überseegebieten, zum Teil über Mittelsmän-
ner wie beispielsweise Emil de Paravicini in Zürich.
Der Reiseantritt war ein Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt. Zu diesem Zweck
mussten die alltäglichen, liebgewonnenen Dinge stark eingeschränkt werden. Nur wenige
habseligkeiten konnten mit ins Gepäck: ein paar Kleidungs- und Erinnerungsstücke, eine
Bibel, evtl. ein Buch und – falls man sich fotografien leisten konnte – ein fotoalbum von den
Daheimgebliebenen.
Transportsystem und Organisation der Reise
Die Verwirklichung des Auswanderungsentschlusses war oft schwierig. Dabei war die Reise
der anstrengendste und risikoreichste Teil der Auswanderung. In der ersten hälfte des 19. Jahr-
hunderts waren die Reisebedingungen noch sehr beschwerlich. Die Auswanderungswilligen
mussten bis nach Le havre (frankreich), Rotterdam (holland) oder Liverpool (England) fah-
ren, um ihr Schiff zu erreichen. Sie gingen zu fuß, fuhren auf fuhrwerken oder in der Kutsche
und schließlich weiter auf flussschiffen (Rhein, Main, Weser) an die Küste. Sie hatten oft lange
Wartezeiten von einem Reiseabschnitt zum nächsten, so dass die gesamte Reise vom heimat-
dorf zum hafen und der Überfahrt bis hin zum Zielort mehr als ein halbes Jahr dauern konnte.
Der Bericht von Matthias Dürst aus den 1840er Jahren (Schelbert & Rappolt 2009: 193ff)
beschreibt ausführlich diese mühsame viele Etappen umfassende Auswanderung von etwa 200
Personen aus dem Kanton Glarus nach Wisconsin.
Im Laufe des Jahrhunderts verbesserten sich durch die Industrialisierung, nationale Riva-
litäten und taktische militärische Interessen nicht nur die Transportmittel, sondern auch die
Organisation der Reise. Mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes ab 1850 wurden die deutschen
Überseehäfen in Bremerhaven und hamburg schnell erreichbar. Anfahrts- und Ankunftszeiten
von Zügen bis direkt zum hafen wurden koordiniert und bekannt gegeben, so dass man für
große Distanzen effizienter planen konnte.
Nach 1840 waren sowohl Segelschiffe als auch Dampfer in Betrieb. Mit dem Segelschiff
dauerte die Überfahrt je nach Wetterverhältnissen zwischen 40 bis 100 Tagen. Mit den Dampf-
schiffen reduzierte sich die Dauer der Überfahrt auf 17 bis 21 Tage – mit den Schnelldampfern
seit den 1880er Jahren sogar auf nur 9 Tage.
Mobile Culture Studies
The Journal, Band 1/2015
- Titel
- Mobile Culture Studies
- Untertitel
- The Journal
- Band
- 1/2015
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Ort
- Graz
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch, englisch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 216
- Kategorien
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal