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Mobile Culture Studies The Journal
Mobile Culture Studies - The Journal, Band 1/2015
Seite - 161 -
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Mobile Culture Studies.The Journal 1 2o15 David Jünger | Die Schiffspassage deutscher Juden nach Palästina 161 nah Arendt in ihrem berühmten Aufsatz von 1941, sei ebenso unmöglich, wie Palästina jemals ein Zufluchtsort vor dem Antisemitismus sein könne, denn „vor Antisemitismus“, so Arendt, sei „man nur noch auf dem Monde sicher.“ 51 Wie Arendt später in ihrem hauptwerk analysierte, wendete sich die Welt von sich ethnisch homogenisierenden Nationalstaaten immer stärker gegen die Juden, zu deren Schicksal die Staatenlosigkeit wurde – einem Status ohne Recht, ohne das Recht überhaupt Rechte zu haben. 52 In diesem Sinne ist die Insel, „die es gar nicht gibt“ zu verstehen: als jener Ort, der ein nichtexistenter war, auf dem die Juden ohne Antisemitismus leben könnten, ein Ort, von dem sie nicht vertrieben und in dem sie Aufnahme finden würden. Diese Insel konnte jedoch nicht erreicht werden, weil es eben eine Insel war, „die es gar nicht gibt“. Die Schiffreise konnte jedoch als ihr zeitlich begrenztes Abbild gelten. Denn sie war ein unwirklicher Mikrokosmos, der aber dennoch für die zeitweilige Rückkehr der Wirklichkeit bzw. der Gegenwart zu sorgen schien. Das jüdische Leben im Deutschland der dreißiger Jahre war davon gekennzeichnet, dass es der Einheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht mehr folgte. Die Vergangenheit war von der Gegenwart abgeschnitten, die Zukunft lag im ungewissen Dunkel. Und die Gegen- wart selbst schien verloren, nahezu unwirklich zu sein. 53 Die Metaphern der Bodenlosigkeit, des fehlenden halts und des Wirklichkeitsverlust durchzogen die intellektuellen Zeitdiagnosen ebenso wie die gewöhnlichen Alltagserfahrungen, aufzufinden in Briefen und Tagebüchern jener Zeit. „Es gab keine Wirklichkeit mehr“, schrieb herbert friedenthal in seiner gleichsam eindrücklichen Erzählung Die unsichtbare Kette stellvertretend für viele andere. 54 Kurz bevor Jenny Aloni nach Palästina auswanderte, vertraute auch sie eine ganz ähnliche Erfahrung ihrem Tagebuch an: „Ich sollte Ende dieses Monats zur Alijah gehen. – Ich will versuchen in mir eine Welt aufzubauen, wo die Welt um mich herum zu wanken beginnt.“ 55 für die Reisenden konnte damit die Überfahrt die zeitlich begrenzte Suspendierung der alltäglichen Gegenwartslosigkeit des nationalsozialistischen Deutschlands sein. In auffälliger Weise schienen nahezu alle Protagonisten den Nationalsozialismus für die Zeit der Überfahrt zu verdrängen. Den Berichten ist damit gemein, dass sie räumlich und zeitlich entrückt zu sein scheinen. Die Bedrohungen des Nationalsozialismus tauchen in diesen nicht auf. Würden die Jahreszahlen keinen hinweis darauf geben, man wüsste fast nichts von dem zeitlichen Kontext in dem sie sich bewegen. heinemann Stern brachte diese Konstellation in seinen Erinnerungen zum Ausdruck, als er von den Annehmlichkeiten der Reise schreibt, die den nationalsozialisti- schen Alltag für den Augenblick der Reise verdrängten: „Sonne, Wärme und Licht beglücken Körper und Seele. Man möchte aufjubeln vor Seligkeit über diese neugewonnene, verlorengeglaubte Welt der Schönheit, Reinheit, heiterkeit. Wir und Dan Diner, hrsg., Zerbrochene Geschichte. Leben und Selbstverständnis der Juden in Deutschland (frank- furt a.  M.: fischer), 138–160. 51 Arendt, hannah. 1941. ‚ceterum censeo…‘, Aufbau, 26. Dezember 1941. 52 Arendt, hannah. 1986. Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (München: Pieper), 452–470. 53 Jünger, David. 2015. ‚„Bilanz der deutschen Judenheit“. Nekrolog auf das deutsche Judentum an der „Zeiten- wende“ 1929–1942‘, in christina von Braun, hrsg.: Was war deutsches Judentum? 1870–1933 (Berlin: De Gruy- ter), 134–146. 54 friedenthal [freeden], herbert. 1936. Die unsichtbare Kette. Roman eines Juden (Berlin: Atid), 36. 55 Eintrag vom 4. September 1939, in Aloni, „Ich muss mir diese Zeit von der Seele schreiben…“, 158.
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Mobile Culture Studies The Journal, Band 1/2015
Titel
Mobile Culture Studies
Untertitel
The Journal
Band
1/2015
Herausgeber
Karl Franzens University Graz
Ort
Graz
Datum
2015
Sprache
deutsch, englisch
Lizenz
CC BY 4.0
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
216
Kategorien
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