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162 Mobile Culture Studies. The Journal 1 2o15
David Jünger | Die Schiffspassage deutscher Juden nach Palästina
rücken unsere Liegestühle in die pralle Sonne, strecken uns in der wohligen Wärme und
träumen hinüber in ein zeit- und raumloses dolce far niente. Ziellos schweift der Blick über
die Reling zum horizont. Daß es so etwas für unsereinen noch gibt, dieses Vergessen einer
bitteren Vergangenheit und dunklen Zukunft und hingegebensein an den verlorenen und
doch erfüllenden Augenblick.“
Am Ende der Überfahrt
Den hier portraitierten jüdischen Reisenden war gemein, dass die Schiffspassage nach Palästina
sie ihrer gewohnten zeitlichen und räumlichen Ordnung enthob. Auf dem Schiff befanden sie
sich an einem seltsamen Zwischenort, in einer seltsamen Zwischenzeit: zwischen Deutschland,
Europa und Palästina, zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, zwischen ihrem
individuellen und ihrem kollektiven Selbst.
Lassen sich bei den verschiedenen Protagonisten auf der Schiffspassage viele Parallelen
entdecken, trennten sich die Wege jedoch, nachdem sie den Boden Palästinas betraten. Lene
Michael und helga waren literarische figuren, die die Emigration nach Palästina vollzogen
und im Land blieben. Die Autoren der Erzählungen, Jenny Aloni und herbert friedenthal,
emigrierten wie ihre Protagonisten Ende der dreißiger Jahre nach Palästina. Auch Paul Müh-
sam, Gabriele Tergit und Martin hauser blieben nach ihrer Überfahrt in Palästina. heine-
mann Stern reiste mit seiner frau Johanna durchs Land, kehrte zufrieden zurück und blieb
bis 1940 in Deutschland, bevor ihm die Auswanderung nach Brasilien gelang. Auch Manfred
Sturmann kehrte von seiner Reise nach Deutschland zurück, bevor er 1938 schließlich nach
Palästina emigrierte, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1989 lebte.
Die Geschichte der cohns hingegen ist tragisch. Gertrud cohn konnte sich nicht zur
Auswanderung in ein ihr fremdes, unwirtliches Land durchringen. Willy musste nachgeben.
Anfang April, sich noch in Palästina befindend, notierte er in sein Tagebuch: „Trudi sagte mir
gestern noch, daß sie sich hier unter den Menschen wenig wohl fühlte und keinen inneren
Anschluß gefunden habe. […] Auf dem Wege sagte sie mir, daß sie nicht ihr ganzes Leben hier
unglücklich werden möchte. Ich kann keine großen Kämpfe mehr durchführen und so wird
dieser Traum ins Nichts zerrinnen.“ 56 Im Mai 1937 kehrten sie nach Breslau zurück. Nach dem
Novemberpogrom 1938 bemühten sich die cohns nun doch um die Auswanderung, blieben
jedoch ohne Erfolg. Ende November 1941 wurde sie verhaftet, nach Kaunas deportiert und kurz
darauf von einer deutschen SS-Einheit erschossen. 57
Die Schiffspassage nach Palästina war für die Reisenden in den hier dokumentierten fäl-
len eine ergreifende Erfahrung des Übergangs. Im entgrenzten und entschleunigten Raum,
der das Schiff im Mittelmeer darstellte, flossen die verschiedenen Elemente ineinander, aus
denen sich die immer brüchiger werdende jüdische Existenz der dreißiger Jahre zusammen-
setzte. Die Schiffspassage schien der prädestinierte Ort zu sein, um über verschiedene fragen
des Lebens in einer Art nachzudenken, wie sie sonst in dieser Zeit kaum möglich war. Kann
eine solche Überfahrt in normalen Zeiten als unsicherer Übergang von einem festen Boden
auf den anderen festen Boden gelten, war es in diesen fällen nahezu das Gegenteil: Zwischen
56 Eintrag vom 9. April 1937, in cohn, Kein Recht, nirgends, 411.
57 conrads, Norbert. 2006. ‚Einleitung‘, in ebd., xxviii–xxx.
Mobile Culture Studies
The Journal, Band 1/2015
- Titel
- Mobile Culture Studies
- Untertitel
- The Journal
- Band
- 1/2015
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Ort
- Graz
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch, englisch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 216
- Kategorien
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal