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Mobile Culture Studies. The Journal 2 2o16
Christine Egger | Mobile World Passau 125
der Innenstadt, ein Ort, der bereits nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mehrere tausend
Geflüchtete und Vertriebene beherbergt hatte (Friederich 2016, Lanzinner 1999a, Haus der Bay-
erischen Geschichte 2009).
Für das urbane Leben in Mittelstädten wie Passau stellt die Innenstadt das unangefochtene
Zentrum dar, das sich alte und neue Bürger_innen jeweils auf ihre Weise aneignen, während
sich dort alle zwangsläufig begegnen. Ein wichtiger Bestandteil dieses lebendigen, multifunk-
tionalen Raums ist seit ihrer Fertigstellung im Jahr 2008 die „Stadtgalerie Passau“ – ein Ein-
kaufszentrum, das sich über drei Stockwerke zwischen dem Hauptbahnhof und dem Eingang
zur Fußgängerzone erstreckt (Stadtgalerie Passau 2016a).
„Der beste Ort für alle Flüchtlinge in ganz Bayreuth war zweifelsohne das Rotmain-Center.
Dieses schöne warme Gebläse zur Begrüßung, wenn man die (…) Shoppingmall betritt!
Überall war es warm und man konnte hier die Einheimischen beobachten, ohne gestört
zu werden. Wir standen einzeln oder in kleinen Gruppen verteilt herum und schauten den
Menschen beim Einkaufen oder beim Kuchenessen im Café zu. Durchs Rotmain zu spa-
zieren war eine ideale Möglichkeit, die Zeit totzuschlagen. Denn wir konnten ja mangels
Erlaubnis weder Deutsch lernen noch arbeiten oder sonst etwas Sinnvolles mit unserer Zeit
anfangen. Zugleich gaben wir uns in diesem Laden unserer Sehnsucht nach Normalität
hin. Zu gern wollten wir sein wie sie. Einkaufen, im Café sitzen, Getränke bestellen und
mit einer der vielen jungen Kellnerinnen plaudern. Aber wie sollte das gehen? Wir standen
mittendrin und doch waren wir meilenweit von all dem entfernt. Die Einheimischen gin-
gen shoppen, wir wärmten uns an ihren Leben“ (Khider 2016, 66-67).
Das Phänomen, das der Schriftsteller Abbas Khider in seinem als Buch der Stunde gefeierten
Roman Ohrfeige beschreibt, in dem er seine eigenen Erfahrungen mit der deutschen Bürokratie,
in Gemeinschaftsunterkünften und mit engagierten Helfer_inne_n sowie den Blick der Deut-
schen auf die „Fremden“ als Geflüchteter aus dem Irak zum literarischen Thema macht, lässt
sich auch in Passau beobachten. Zur Attraktivität der dortigen „Stadtgalerie“ für Geflüchtete
trägt seit Oktober 2014 noch das kostenlose WLAN bei, das Besucher_innen des Einkaufszen-
trums täglich für 30 Minuten zur Verfügung steht (Stadtgalerie Passau 2014). „Alle Personen,
Ereignisse und Orte in diesem Roman sind frei erfunden“ (Khider 2016, 4), dennoch kann mit
dem fiktiven „Niederhofen“, wo sich ein wesentlicher Teil der Romanhandlung abspielt, nur
Passau gemeint sein, wo der Autor selbst Ende der 1990er Jahre als Asylsuchender lebte (Man-
gold 2016, Bayerischer Rundfunk 2016).
Den wichtigsten Anlaufpunkt für die „neuen Leute“ (Gespräche mit Geflüchteten 2015-
2016), die im Sommer 2015 in Passau ankamen, bildete allerdings weder der Hauptbahnhof
noch die Universität oder die „Stadtgalerie“, sondern ein anderer Ort in der Innenstadt von
Passau. Für die Organisation ihres lokalen Alltags und die Aufrechterhaltung ihrer transnatio-
nalen Beziehungen war ein zentral gelegener Handyladen, der unter anderem Guthabenkarten
des Mobilfunkanbieters Lycamobile – der entsprechende Werbeslogan lautet: „Call the World
for less“ (Lyca Mobile 2016) – verkauft, für die Geflüchteten von wesentlich größerer Bedeu-
tung. Der Besitzer, der mehrere Sprachen des Mittleren Ostens sowie Deutsch und Englisch
spricht und sein Idiom je nach Bedarf wechseln kann, bezeichnete sein Geschäft daher auch
als „zweites Einwohnermeldeamt“, so der Besitzer des Handyladens (Gespräch 2015) der Stadt.
Mobile Culture Studies
The Journal, Band 2/2016
- Titel
- Mobile Culture Studies
- Untertitel
- The Journal
- Band
- 2/2016
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Ort
- Graz
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch, englisch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 168
- Kategorien
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal