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Mobile Culture Studies. The Journal 2 2o16
Michael Hieslmair und Michael Zinganel | Mobilitätserfahrungen und Grenzinfrastruktur 159
sie passierenden Akteur_innen. Dabei entsteht ein dynamischeres Modell von ‚polyrhythmischen’
Ensembles3, die sich aus statischen Architekturen, mobilen Objekten und Individuen konstituieren,
die abhängig von den täglich, wöchentlich oder saisonal wechselnden Rhythmen des Verkehrsflus-
ses zu unterschiedlichen Nutzungsdichten anwachsen und schrumpfen. Solche Knoten sind keine
singulären Entitäten, sondern Bestandteile eines Netzwerkes aus mehreren Knoten, die jeweils Sta-
tionen einer Tour von Individuen oder Objekten darstellen und sich mitunter von Nicht-Orten4 zu
intimen Ankern im Alltag ihrer multilokalen Existenz verwandeln.
Der Einsatz von Kartographie und Comic sowohl als Kommunikationswerkzeuge im For-
schungsfeld als auch als Darstellungsmethoden der Zwischenergebnisse unserer Forschungen folgte
den Forderungen aus dem Feld der Mobilities Studies nach visuellen Darstellungsmethoden.5 Diese
beziehen sich auf Gilles Deleuze und Bruno Latour, die Kartographie zur bestgeeigneten Methode
zur Analyse von dynamischen Rhizomen oder Netzwerken aus menschlichen Akteuren- und
nicht-menschlichen Aktanten erhoben haben.6 Aus dem Blickwinkel der Stadtforschung sind die
Entwicklung einer universell verständlichen Bildsprache durch den Wiener Sozialwissenschaftler
Otto Neurath von Bedeutung, der bereits in 1930 Jahren grafisch abstrahierte Zeichensysteme und
comichafte Darstellungen als Werkzeuge der Sozialforschung und Erwachsenenbildung etabliert
und damit die Grundlagen für moderne Piktogramme und Verkehrsleitsysteme gelegt hatte.7
Flucht als Reisemotiv bildete dabei keineswegs den Forschungs-Schwerpunkt unseres Projek-
tes. Flucht verstanden wir vielmehr als eines von vielen Mobilitätsmotiven und -modi in einem
Mobilitätskontinuum,8 das vor allem vom alltäglichen Güter- und Personentransport auf diesen
Korridoren geprägt ist, das aber den Transport legaler und illegaler Güter und Personen mit und
ohne Papiere mit einschließt, deren Motive sich von touristischem Interesse, über Handels- und
Geschäftsreisen, bis zu Migration und Flucht aufspannen.9
2013, als wir das Forschungsprojekt eingereicht hatten, waren Flüchtlinge aus Syrien noch
kein massenmedial wirksames Thema obwohl schon damals längst tausende unterwegs waren.
Stattdessen wurden von populistischen Politikern und Medien noch Schreckensszenarien einer
Invasion von Migrant_innen aus Bulgarien und Rumänien verbreitet, die zwar 2007 zu Voll-
3 Michael Crang, ‘Rhythms of the City. Temporalised Space and Motion’, in Timespace. Geographies of Temporal-
ity, edited by Nigel Thrift and Jon May (London: Routledge, 2001), pp. 187-207; basierend auf Henri Lefebvre,
Rhythmanalysis. Space, time and everyday life (London: Continuum, 2004).
4 Marc Augé, Non-places. Introduction to an anthropology of supermodernity (New York: Verso Books, 2005).
5 Tim Cresswell & Peter Merriman (eds.), Geographies of Mobilities. Practices, Spaces, Subjects. (Farnham and Bur-
lington, VT: Ashgate, 2011). Zu den Methoden vgl. Mimi Sheller, „Mobility“. Sociopedia.isa 2011, <http://www.
sagepub.net/isa/resources/pdf/mobility.pdf> [12.01.2016] Als ersten dokumentierten Hinweis auf die Anwen-
dung unserer Methoden siehe: Michael Zinganel und Michael Hieslmair mit Tarmo Pikner, ‘Test Run – Stop
and Go. Mapping Nodes of Mobility and Migration’, in Urban Place-making Between Art, Qualitative Research
and Politics, herausgegeben von Judith Laister und Anna Lipphardt, =Anthropological Journal of European Cultu-
res 24(2) 2015, pp. 117–127.
6 Gilles Deleuze & Félix Guattari, A thousand plateaus. Capitalism and schizophrenia, translated and foreworded
by Brian Massumi (Minneapolis: University of Minnesota Press); Bruno Latour, Reassembling the social. An
introduction to Actor-Network-Theory (Oxford: Oxford University Press, 2005).
7 Angelique Groß, Die Bildpädagogik Otto Neuraths. Methodische Prinzipien der Darstellung von Wissen. Veröffen-
tlichungen des Instituts Wiener Kreis (Heidelberg etc.: Springer, 2015).
8 C. Michael Hall und Alan M. Williams, Tourism and migration. New relationships betweenpProduction and con-
sumption (London: Kluwer Academic Publishing, 2002).
9 Vgl. Zygmunt Bauman, Liquid modernity (Cambridge: Polity Press, 2000).
Mobile Culture Studies
The Journal, Band 2/2016
- Titel
- Mobile Culture Studies
- Untertitel
- The Journal
- Band
- 2/2016
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Ort
- Graz
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch, englisch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 168
- Kategorien
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal