Seite - 160 - in Mobile Culture Studies - The Journal, Band 2/2016
Bild der Seite - 160 -
Text der Seite - 160 -
160 Mobile Culture Studies. The Journal 2 2o16
Michael Hieslmair und Michael Zinganel | Mobilitätserfahrungen und Grenzinfrastruktur
mitgliedern der EU wurden, deren Bürger_innen aber erst 2014, nach dem Ende der siebenjähr-
gen Übergangsfrist, endlich auch in Deutschland und Österreich legal einer Arbeit nachgehen
durften. Die Route der imaginierten Invasion entsprach der sogenannten Balkanroute bzw.
richtiger dem Bündel an Straßen, die Südosteuropa durchqueren. Wir beabsichtigten in unse-
rem Projekt nicht, diese These einer Invasion zu stützen, sondern – im Gegenteil – die Normali-
tät der multi-lokalen Existenz, des kontinuierlichen Unterwegssein und des sich Einrichtens im
Transit zu dokumentieren. Dabei zählen für alle, die kein eigenes Fahrzeug besitzen, Kleinbusse
und der transnationale Linienbusverkehr zu den bevorzugten Verkehrsmitteln, in denen sich
zudem auch Güter in beträchtlichem Ausmaß mitführen lassen.
Für diese Busreisenden bildete – und bildet in der Gegenwart immer noch – der Internationale
Busbahnhof in Wien einen bedeutenden Knoten. Aus unserem Blickwinkel war der Busbahnhof
auch deshalb interessant, weil er heute an einem auf den ersten Blick äußerst unattraktiven Stand-
ort unter eine Autobahnbrücke angesiedelt ist und aussieht wie ein Nicht-Ort par excellence. Der
Grund liegt darin, dass die Busbahnhöfe aufgrund des bis vor kurzem dominierenden Images
von Busreisen als Verkehrsmittel einkommensschwacher Migrant_innen aus Südosteuropa von
ihren bisherigen Standorten neben den innenstadtnahen Bahnhöfen weg-gentrifiziert wurden.10
Außerdem – so unsere These – ließe sich an diesem Busbahnhof nachweisen, dass es sich hier kei-
neswegs bloß um einen geschichtslosen Ort handelt. Vielmehr treffen hier zu den Stoßzeiten sehr
wohl unzählige mobile Akteur_innen mit Mobilitäts- und Migrations-Erfahrungen aufeinander,
tauschen sich aus, wobei sich in ihren individuellen Geschichte/n die Transformationen in den
Regionen entlang ihrer Routen widerspiegeln. Uns erschienen die Busfahrer der internationalen
Linien als wichtige Akteure des Wissenstransfers, denn sie stammen aus der Nähe der Orte, die sie
anfahren, kennen viele ihrer Stammkund_innen seit Jahren, und wissen was sich wie über welche
Grenzen transportieren lässt. Auch die Fahrer des großen privaten österreichischen Busunterneh-
mens Blaguss, das diesen Bahnhof betreibt, haben in der Regel Migrationshintergrund, sind selbst
aus den Kriegshandlungen und vor den ethnischen Säuberungen im ehemaligen Jugoslawien oder
vor deren wirtschaftlichen Folgen geflohen, oder sind die Kinder ehemaliger Gastarbeiter_innen
oder Flüchtlinge.
Die Verkehrs-Spinne, das Netzwerk der transnationalen Bus-Routen, die von hier ausgehen oder
hier zusammenlaufen, stellen die Verbindungen von Ziel und Quellregionen von Tourist_innen,
ehemaligen Gastarbeiter_innen und ihrer Angehörigen, Pendler_innen und Arbeitsmigrant_innen
dar. Der am stärksten frequentierte Strang führt aktuell über die A4 Ostautobahn nach Ungarn und
entweder in Richtung Rumänien oder über Serbien weiter nach Bosnien und Bulgarien. Natürlich
finden sich in diesen Bussen auch Personen, die von der Mehrheitsbevölkerung in Wien als uner-
wünscht angesehen werden: Bettler_innen, Prostituierte, Diebe und Personen ohne gültige Papiere.11
Mehrheitlich sind mit den Bussen jedoch jene Dienstleister_innen unterwegs, deren bescheiden
entlohnten Arbeitsleistungen den von einer überdurchschnittlichen Lebensqualität gekennzeichne-
ten Alltag des Mittelstandes in Wien erst ermöglichen.
10 Friedrich Haberfellner, Leiter und Koordinator Vienna International Busterminal, Firma Blaguss, Interview am
28.04.2014.
11 Gerald, Tatzgern, Leiter der Zentralstelle Bekämpfung Schlepperkriminalität und Menschenhandel im Bundes-
ministerium für Inneres, Bundeskriminalamt, Interview am 08.09.2016.
Mobile Culture Studies
The Journal, Band 2/2016
- Titel
- Mobile Culture Studies
- Untertitel
- The Journal
- Band
- 2/2016
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Ort
- Graz
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch, englisch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 168
- Kategorien
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal