Seite - 161 - in Mobile Culture Studies - The Journal, Band 2/2016
Bild der Seite - 161 -
Text der Seite - 161 -
Mobile Culture Studies. The Journal 2 2o16
Michael Hieslmair und Michael Zinganel | Mobilitätserfahrungen und Grenzinfrastruktur 161
Grenzerfahrungen
Ungeachtet der Flüchtlingskrise wäre die Transformation des Grenzüberganges zwischen Öster-
reich und Ungarn und die Geschichte der kleinen Grenzgemeinde Nickelsdorf eine eigene Untersu-
chung wert. Die Straßenverbindungen wurden sukzessive ausgebaut und das Verkehrsaufkommen
auf die jeweils neue Route verlagert: Als die alte Bundestrasse noch mitten durch das Straßendorf
geführt hatte, vorbei an alten Zollhäuschen und Schlagbaum, herrschte in den Wirtshäusern und
Läden noch rege Geschäftigkeit. Die Straße wurde jedoch ausgebaut und ein moderner Grenzüber-
gang weit außerhalb der Gemeinde errichtet, die 1996 schließlich durch eine vollwertige Autobahn
ergänzt wurde. Während im ehemaligen Grenzdorf völlige Stille eingekehrt ist entwickelte sich der
neue Grenzübergang mit den Autobahn-Auf-und Abfahrten beiderseits der Grenze und mit seinen
noch moderneren Kontrolleinrichtungen zu einer sich scheinbar ungeordnet verdichtenden Agglo-
meration von Straßen und Gebäudekomplexen, einem für die moderne Mobilitätslandschaft typi-
schen urbanen Archipel: Mehrere Tankstellen, Hotels und Motels, Restaurants und Märkte, teils
als Themenparks gestaltet und gebranded (Paprika), Nachtclubs, Bordelle und Wettlokale, Kioske
und LKW-Parkplätze entstanden entlang der jeweils neuesten Route, buhlten um die jeweils beste
Lage und setzten sich – insbesondere auf der ungarischen Seite – einem harten Verdrängungswett-
bewerb aus. Wir hatten in unserem Forschungsprojekt jedoch andere Schwerpunkte gesetzt, andere
Fallstudien vorgesehen, andere Grenzübergänge entlang unserer Routen für bedeutender gehalten
und daher vorerst keine Kapazitäten frei gehabt.
Die in ihren Dimensionen unabsehbare Flüchtlingswelle vom Spätsommer und Herbst 2015
drohte alle Diskurse über Mobilität und Migration völlig zu überformen – so auch unser For-
schungsprojekt, dem nun ganz besondere Aktualität zugesprochen wurde.12 Wir beschlossen, den
Grenzübergang Nickelsdorf – den wir auf unseren Recherchereisen bereits mehrmals passiert hat-
ten – stärker in die Untersuchung mit einzubinden. Zu diesem Zweck organisierten wir im Dezem-
ber 2015 im Rahmen eines Workshops eine eintägige öffentlich zugängliche Bus-Exkursion, die am
Internationalen Busbahnhof in Wien ihren Anfang nahm und nach dem Besuch anderer Knoten-
punkte der Mobilität und Migration, anderer urbaner Archipele entlang der A4 Ostautobahn den
Grenzübergang erreichte, wo uns der Bürgermeister Gerhard Zapfl zu all den Orten führte, an
denen nur zwei Monate zuvor noch der enorme Zustrom von Flüchtlingen ganz ohne Vorbereitun-
gen bewältigt werden musste.
Die Grenzübergänge entlang der Route unserer Forschungsreisen betrachteten wir – wie andere
Haltepunkte auch – bis dahin bloß als Schwellen in der Mobilitätslandschaft, mit dem Unter-
schied, dass sich aus der Angst vor Kontrollen, Expertise zu deren Umgehung verkaufen ließ, und
die Unterschiede von Verfügbarkeit und Preisen von Gütern und Dienstleistungen beiderseits der
Grenzen boomende Grenzökonomien produzieren, die Akteur_innen anziehen und natürlich
von anderen Akteur_innen im Transit genutzt werden.13
12 Beispielsweise von Andrea Braidt, Vizerektorin für Forschung an der Akademie für bildende Künste Wien, und
Michael Strassnig, stellvertretender Leiter der Wiener Wissenschafts- und Technologie-Fond WWTF, anläs-
slich ihrer Ansprachen zur Eröffnung des Workshop und einer Ausstellung in unserem Projektraum vom 3. Bis
5.12.2015. <http://stopandgo-transition.net/publication/conference-vienna>
13 Vgl. Karl Schlögel, Marjampole oder Europas Wiederkehr aus dem Geist der Städte (München: Hanser, 2005);
Yulian Konstantinov, ‘Patterns of reinterpretation. Trader-tourism in the Balkans (Bulgaria) as a picaresque
metaphorical enactment of post-totalitarianism’, American Ethnologist 23(4) 1996, pp. 762-782.
Mobile Culture Studies
The Journal, Band 2/2016
- Titel
- Mobile Culture Studies
- Untertitel
- The Journal
- Band
- 2/2016
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Ort
- Graz
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch, englisch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 168
- Kategorien
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal