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Mobile Culture Studies The Journal
Mobile Culture Studies - The Journal, Band 2/2016
Seite - 162 -
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162 Mobile Culture Studies. The Journal 2 2o16 Michael Hieslmair und Michael Zinganel | Mobilitätserfahrungen und Grenzinfrastruktur Wir hatten vorerst kaum beachtet, dass Zoll und Grenzpolizei in den Grenzregionen bedeu- tende Arbeitgeber_innen sind. In fast jeder Familie in einem der Dörfer beiderseits einer Grenze hatte zumindest eine/r dort Arbeit gefunden oder arbeitete immer noch dort.14 Schmuggler_innen, die nicht mindestens eine_n Grenzbeamt_in persönlich und dessen/deren Dienstplan kennen, und die nicht wissen, wie viel Schmuggelgüter dessen/deren Toleranz erträgt oder kostet, gelten als inkompetent. Die Verlässlichkeit dieser sozialen Netze hat daher Einfluss auf die Wahl der Schmuggelrouten, um möglichst viele am Mehrwert mitverdienen zu lassen. Das gilt nicht nur für den Schmuggel von Gütern, sondern auch von Menschen. Während der Flüchtlingswelle vom Spätsommer 2015 fuhren die allermeisten Flüchtlinge nicht etwa mit regulä- ren und preisgünstigen Busverbindungen von der Türkei nach Bulgarien und dann innerhalb der EU weiter nach Wien. Viele wurden über die viel gefährlichere Route über das Mittelmeer nach Griechenland geführt, und von dort auf dem Landweg nach Mazedonien und nach Serbien. Aber die meisten, die es nach Bulgarien geschafft hatten, wurden wieder aus der EU hinaus nach Serbien geschmuggelt und dann nach Ungarn zurück in die EU. Dieses unnötig erscheinende Passieren zweier EU-Außengrenzen lässt sich nicht alleine damit begründen, dass die Grenze zwischen den beiden EU-Nachbarstaaten Bulgarien und Rumänien besonders stark kontrolliert wird (was tat- sächlich zutrifft), sondern mit den über lange Jahre gewachsenen Netzwerken entlang der serbisch- bulgarischen und der serbisch-ungarischen Grenze, die zuletzt während der Jugoslawienkriege eine besondere Bedeutung erlangt hatten. Von Ungarn aus passierten die Flüchtlinge den Grenzübergang bei Nickelsdorf, der seit der EU-Mitgliedschaft Ungarns 2004 ein innereuropäischer Grenzübergang und seit 2007 ein Grenz- übergang zwischen zwei Schengen-Staaten, seit 2007 demnach eine offene Grenze ist, wo Kontrol- len nur mehr in Ausnahmefällen stichprobenartig durchgeführt werden. Dementsprechend wurde die Infrastruktur zur Grenzkontrolle sukzessive auf ein Minimum reduziert und die riesigen Park- flächen für LKWs wurden entweder zu Brachland oder wurden für andere Nutzungen adaptiert. Mobilisierung statt Kontrolle Ab Juli 2015 wurden entlang der A4 Ostautobahn von der Grenze bis nach Wien immer häufi- ger und in immer größerer Zahl Flüchtlinge aufgegriffen, die von Schlepper_innen von Ungarn über die Grenze nach Österreich gebracht wurden. Am 27. August wurde ein auf dem Pan- nenstreifen der A4 Ostautobahn – nahe des Designer Outlet-Centers bei Parndorf, 22 Kilome- ter von der österreichisch-ungarischen Grenze entfernt – abgestellter Kühl-LKW mit 71 toten Flüchtlingen entdeckt, deren Leichen zur forensischen Untersuchung und Identifizierung in eine Kühlhalle am Grenzübergang gebracht wurden. Die Halle war ursprünglich zur Kontrolle von Lebensmittelimporten errichtet worden. Nur eine Woche später, ab 4. September, während die Leichen noch vor Ort gelagert waren, begannen täglich mehrere tausend Flüchtlinge aus Ungarn kommend am Grenzübergang einzutreffen. Zuerst wurden sie mit Sonderzügen der ÖBB zum Westbahnhof Wien transportiert und weiter nach Deutschland, später mit Autobus- sen und Taxis. Ab dem 16. September übernahm das Militär österreichweit die Koordination der Transportlogistik vom Grenzübergang zu den Bahnhöfen und Notunterkünften. Zu diesem 14 Gerhard Zapfl, Bürgermeister von Nickelsdorf, Interview am 18.03.2016; N.N., serbischer Gebrauchtwaren- händler, Niš, Interview am 12.03.2014.
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Mobile Culture Studies The Journal, Band 2/2016
Titel
Mobile Culture Studies
Untertitel
The Journal
Band
2/2016
Herausgeber
Karl Franzens University Graz
Ort
Graz
Datum
2016
Sprache
deutsch, englisch
Lizenz
CC BY 4.0
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
168
Kategorien
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