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164 Mobile Culture Studies. The Journal 2 2o16
Michael Hieslmair und Michael Zinganel | Mobilitätserfahrungen und Grenzinfrastruktur
dass auf dem großen LKW-Parkplatz am Areal des Grenzüberganges neue, solidere Kon-
trollinfrastrukturen aufgebaut wurden, eine große Anlage aus Containern mit Schaltern zur
Aufnahme der Personaldaten von Einreisewilligen, eine weitere Anlage aus Containern mit
Unterbringungsmöglichkeiten zur Festsetzung von Personen ohne Einreiseerlaubnis, de facto
ein Schubhaftgefängnis, sowie vorgefertigte Absperrelemente, mit denen sich bei Bedarf inner-
halb von wenigen Stunden ein solider Zaun mit Stacheldraht-Abschluss zu beiden Seiten des
Grenzüberganges errichten ließe – Maßnahmen, die in den Worten des Bürgermeisters der
Gemeinde Nickelsdorf „hoffentlich nie gebraucht werden“.20
Für die kleine Grenzgemeinde war die Erfahrung mit der Flüchtlingskrise einschneidend: Das
Ereignis brachte die zuvor unbedeutende und leicht zu übersehende Gemeinde in die Weltpresse,
und die Anstrengungen für die Hilfsleistungen wirkten – so der Bürgermeister mit Stolz – äußerst
positiv auf die Stärkung der Dorfgemeinschaft. Der Herbst 2015 wird daher in Zukunft in der
kollektiven Erinnerung des Dorfes eine bedeutende Rolle spielen. Der Bürgermeister betonte, dass
der vorübergehende Ausnahmezustand durch das Massenfluchtereignis in der Geschichte der klei-
nen Grenzgemeinde keineswegs einzigartig war: Während der Ungarn-Krise durchschritten im
November 1956 180.000 Flüchtlinge die Gemeinde, und nach dem Fall des Eisernen Vorhanges
im Herbst 1989 mussten hier 40.000 erschöpfte DDR-Bürger_innen erstversorgt werden. Auch die
seit Oktober 2015 geänderten Flucht-Routen waren nicht neu: Die Strecke von Serbien nach Kroa-
tien, Slowenien und über die Grenzübergang Spielfeld nach Österreich hat seit den 1960er Jahren
als Gastarbeiterroute Eingang in die Mobilitäts- und Migrationsgeschichte gefunden. Auf diesen
Routen kamen viele der Busfahrer nach Österreich, die im Herbst 2015 die neuen Flüchtlinge durch
Österreich transportierten.
Wenn heute die gesamte Balkonroute als „geschlossen“ gilt, stimmt das nur bedingt. Wo auch
immer die Fluchthelfer über Logistik und funktionierende Netzwerke verfügen, die mitunter staat-
liche Kontrollorgane einschließen, werden wie bereits vor der sogenannten „Krise“ diskret Waren
und Personen ohne die richtigen Papiere die Grenzen passieren – gleichzeitig mit unzähligen ande-
ren mobilen Individuen – „Forschungsreisende“ wie uns selbst mit eingeschlossen.
20 Gerhard Zapfl, Bürgermeister von Nickelsdorf, Interview am 08.10.2016.
Anschrift der Autoren
DI Michael Hieslmair, Springergasse 15/8, A-1020 Wien,
hies @ him.at
DI Dr. Phil. Michael Zinganel, Hohlweggasse 28/1-13, A-1030 Wien,
zinganel @ mur.at
Mobile Culture Studies
The Journal, Band 2/2016
- Titel
- Mobile Culture Studies
- Untertitel
- The Journal
- Band
- 2/2016
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Ort
- Graz
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch, englisch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 168
- Kategorien
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal