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190 Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel)
Erika Unterpertinger | Kartografierte Sagen
Einleitung
Die Sagensammlung „Erzählungen vom Reich der Fanes“ erzählt von den Fanes, die sich im
ladinischen Dolomitenraum ansiedeln und sich, angefĂĽhrt durch die Krieger-Prinzessin Dola-
silla und unterstützt durch Bündnisse mit Murmeltieren und Adlern, gegen andere Bevölke-
rungsgruppen behaupten. Es handelt sich dabei ursprĂĽnglich um lijendes,1 was sowohl mit
Sage als auch mit Märchen bzw. dem Italienischen leggenda gleichgesetzt werden kann, zumal
es im Ladinischen „keine so klare Unterscheidung zwischen Sage, Legende, Erzählung, Mär-
chen“ (Bernardi/Videsott 2014: 42) gibt. Lijendes wurden im Rahmen einer stark mündlich
geprägten Erzählkultur unter anderem von reisenden Geschichtenerzähler*innen, auf Ladi-
nisch sogenannten contastories, weitergegeben (Bernardi 2018: 171). Karl Felix Wolff (1879,
Karlstadt –1966, Bozen) hörte als Kind diese Erzählungen und war fasziniert davon. So sam-
melte er ab Anfang des 20. Jahrhunderts Fragmente von Erzählungen aus dem ladinischspra-
chigen Raum systematisch und veröffentlichte sie in den Dolomitensagen ab 1913. Wenngleich
er den ursprünglichen Stoff veränderte, was bereits von zeitgenössischen Sagenkundlern stark
kritisiert wurde, leistete er durch die Sammeltätigkeit einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der
mündlichen ladinischen Erzählkultur (Bernardi 2018: 165) sowie zur Verbreitung der lijendes,
zumal Wolffs Dolomitensagen sich im Alpenraum groĂźer Beliebtheit erfreuen.
Die Orte der Handlung in den „Erzählungen vom Reich der Fanes“ sind geografisch im
ladinischsprachigen Dolomitenraum lokalisierbar und werden GroĂźteils klar benannt. Nichts-
destotrotz wurden die Orte in den „Erzählungen“ bislang nicht weiter beforscht. Dies liegt
auch daran, dass Ulrike Kindl, die prominenteste der wenigen Forscher*innen, die sich mit
den lijendes auseinandersetzen, die geografische Lokalisierung dieses Teils der Dolomitensagen
und insbesondere der „Erzählungen vom Reich der Fanes“ mit Skepsis betrachtet. Sie zweifelt,
„ob die so mühsam dem Ladinertum zurückgegebenen Sagen dort überhaupt wirklich anzu-
siedeln sind“ (Kindl 1997: 144). Aufgrund dessen hat sie den in den lijendes genannten Orten
in ihrer tiefgreifenden Analyse wenig Bedeutung beigemessen.
Der vorliegende Artikel greift diese LĂĽcke auf und untersucht im Rahmen einer explorati-
ven Studie die Verortung der „Erzählungen vom Reich der Fanes“ mittels einer Kombination
von literary mapping mit dem Geoinformationssystem QGIS und close reading. Im Rahmen
dieser Untersuchung stelle ich zwei zentrale Fragen. Die erste lautet: Welche Hinweise können
die erwähnten Orte auf die Herkunft der lijendes geben?
Ulrike Kindl kommt im Rahmen ihrer textkritischen Arbeiten zu Wolffs Dolomitensagen
(1983, 1997) zum Schluss, dass Wolff bei den „Erzählungen vom Reich der Fanes“ zwei Sagen-
kerne miteinander vermischt und in der Folge bestimmte Charaktere verbindende Funktion
haben. Deshalb ist die zweite Frage darauf ausgerichtet. Wie werden die beiden Sagenkerne im
Rahmen von Wolffs Bearbeitungen geografisch miteinander verbunden?
Ich argumentiere zunächst für eine Lesart der lijendes als Reiseliteratur. Daran schließt
ein literary mapping an, im Rahmen dessen ich anhand geografischer Informationen aus den
lijendes Karten zu genannten Orten (Ortschaften, Seen und Bergen) und den Wegen, die
diese verbinden, generiere. Die Visualisierung ermöglicht durch die Abstraktion der „Erzäh-
lungen vom Reich der Fanes“ einen neuen Zugang zum Text durch die Verschiebung des
1 Das Wort ist relativ jung, laut Bernardi/Videsott (2014: 43–44) wurde es in den 1950er Jahren vom Gadertale-
rischen li (lesen) abgeleitet und wird spezifisch für die „Erzählungen vom Reich der Fanes“ verwendet.
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Mobile Culture Studies, Band 2/2020
The Journal
- Titel
- >mcs_lab>
- Untertitel
- Mobile Culture Studies
- Band
- 2/2020
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Ort
- Graz
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch, englisch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 270
- Kategorien
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal