Seite - 194 - in >mcs_lab> - Mobile Culture Studies, Band 2/2020
Bild der Seite - 194 -
Text der Seite - 194 -
194 Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel)
Erika Unterpertinger | Kartografierte Sagen
Schlagwort travel writing in diesem breiteren VerstĂ€ndnis als âconstellation of many different
types of writing and/or text, [âŠ] connected not by conformity to a single, prescriptive pattern,
but rather by a set of what the philosopher Ludwig Wittgenstein would call âfamily resem-
blanceââ (Thompson 2011: 26). Da es sich bei den lijendes nicht um autobiografische Texte
handelt, wird im Folgenden der Begriff âReiseliteraturâ in diesem Sinne verwendet.
Es gibt keinen fixierten Kriterienkatalog, der klar definiert, was Reiseliteratur ist und was
nicht. Dies zu bestimmen ist aufgrund der bemerkenswerten Bandbreite von inhaltlichen,
strukturellen und stilistischen Ausformungen des Genres in seiner Umsetzung Ă€uĂerst schwie-
rig (Thompson 2011: 17â18). Vielmehr können zur Klassifikation eines Textes als Reiseliteratur
folgende Aspekte herangezogen werden: der Aspekt der (realen) Reise, die Anbindung an die
Wirklichkeit sowie die narrative Ausformung zwischen Fakt und Fiktion. Alle drei Faktoren
gelten fĂŒr die âErzĂ€hlungen vom Reich der Fanesâ, wie ich im Folgenden darstelle.
Reiseliteratur kennzeichnet zuerst das Motiv der Reise. Hierbei kann die Reise sowohl eine
Nah- als auch eine Fernreise sein. Im Zentrum steht jedoch die Auseinandersetzung mit einem
Anderen (Thompson 2011: 9), wobei je nach Definition des Genres auch fiktionale Reisen
zur Reiseliteratur zÀhlen können, nachdem es durchaus vorkommen kann, dass Autor*innen
Begegnungen im Kontext von realen Reisen literarisch ausgestalten. In den âErzĂ€hlungen vom
Reich der Fanesâ werden sowohl geografische Orientierungspunkte als auch Reisen zwischen
diesen Orten beschrieben, wobei sie bis auf eine Ausnahme nicht ĂŒber das klar abgegrenzte
dolomitenladinische Gebiet (vgl. Abb. 1 und Abb. 2) hinausgehen. Da die lijendes sich in einer
Grauzone zwischen in realem Geschehen verankerten Sagen und fiktiv-stilisierten MĂ€rchen
bewegen, ist nicht davon auszugehen, dass reale Begebenheiten darin abgebildet sind. Vermut-
lich handelt es sich um âein klassisches Wandergutâ, das âoikotypisiert, d.h. der ansĂ€ssigen
Weltsicht anverwandeltâ wurde (Kindl 1997: 144). Man kann jedoch auch davon ausgehen, dass
die lijendes archetypische Bewegungen zwischen den bis ins erste Drittel des 20. Jahrhunderts
geografisch stark isolierten Talschaften der ladinischen Dolomiten abbilden. Eine Begegnung
mit einem Anderen findet aufgrund der Verbindung der zwei Sagenkerne statt, durch die ver-
schiedene Gruppen und unterschiedliche soziale und demographische Schichten aufeinander-
treffen â in den ErzĂ€hlungen kommen etwa sowohl Hirten, Soldaten, Prinzessinnen und
Prinzen vor als auch unterschiedliche Altersgruppen.
Die Verankerung in der Wirklichkeit (Thompson 2011: 14) vollzieht sich im Falle der âErzĂ€h-
lungen vom Reich der Fanesâ vorrangig ĂŒber ihre geografische Verortung, zumal die lijendes
durch ihre Veröffentlichung im Rahmen einer Sagensammlung klar als fiktional gekennzeich-
net sind. Anders als im Falle von Reiseberichten, die einen stÀrkeren Anspruch auf FaktizitÀt
stellen, bleibt der fiktionale âPaktâ zwischen Leser*innen und Schreibenden im Falle der lijendes
erhalten. Aufgrund ihrer klaren geografischen Verortung ergibt sich dennoch eine epistemolo-
gische Spannung zwischen Fakt und Fiktion (Thompson 2011: 16), die sich gerade im populÀr-
wissenschaftlichen Bereich abbildet. So glaubte etwa der Hobby-ArchÀologe Georg Innerebner
Anfang der FĂŒnfzigerjahre, an den SteilhĂ€ngen des Zehnerkofels eine Wallburg gefunden zu
haben (Lunz 1976: 152). Er brachte seinen Fund mit der Fanesburg aus Wolffs âErzĂ€hlungen
vom Reich der Fanesâ in Verbindung, die der ErzĂ€hlung nach in der NĂ€he der Conturines-Gip-
fel lokalisiert ist. Auch wenn die Existenz dieser Wallburg nicht bestÀtigt werden konnte (Lunz
1976: 152), findet sich auf vielen Wanderkarten das Ciastel de Fanes als archÀologische FundstÀtte.
>mcs_lab>
Mobile Culture Studies, Band 2/2020
The Journal
- Titel
- >mcs_lab>
- Untertitel
- Mobile Culture Studies
- Band
- 2/2020
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Ort
- Graz
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch, englisch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 270
- Kategorien
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal