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196 Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel)
Erika Unterpertinger | Kartografierte Sagen
mit HGIS ein dynamischer Forschungszweig entwickelt, im Zuge dessen einerseits sozio-öko-
nomische und politische Daten verarbeitet werden, andererseits Daten aus historischen Quellen
(vgl. Knowles/Hillier 2008). FĂŒr die Literaturwissenschaft unterscheiden Gregory et al. (2015:
6) zwei AnsÀtze: Eine literary geography (oder literary cartography), wobei RÀumlichkeit in
literarischen Texten im Vordergrund steht, und eine geography of literature, wobei die Ver-
ortung der TÀtigkeiten des Schreibens, Veröffentlichens und Lesens im Vordergrund stehen.
Literary cartography ist noch ein junges Feld und fuĂt unter anderem auf den Arbeiten von
Moretti (1998; 2007), Jockers (2013) und den transdisziplinÀren Arbeiten des Stanford Literary
Lab. Sowohl im Bereich der literary geography als auch im Bereich der geography of literature
gibt es einige Beispiele, die auch fĂŒr das vorliegende Projekt als Inspiration angesehen werden
können. Ein anschauliches Beispiel fĂŒr literary geography nach Gregory et al. (2015) ist etwa
das Projekt von Alvez und Queiroz (2013), die im Rahmen einer methodisch interdisziplinÀr
angelegten Studie untersucht haben, wie Lissabon in Romanen aus dem 19. und 20. Jahrhun-
dert dargestellt wird. Weitere Projekte dieser Art finden sich etwa im Rahmen des Literarischen
Atlas Europas der ETH ZĂŒrich,4 wobei unterschiedliche Teile Europas â zum Beispiel Berlin
oder Teile der Schweiz â im Fokus der jeweiligen Projekte standen. StĂ€rker im Bezug zu einer
geography of literature steht etwa das âMapping the Lakesâ-Projekt der Lancaster University
unter Leitung von David Cooper.5 Hierbei stehen Reiseberichte der Autoren Thomas Gray
1769 und Samuel Taylor Coleridge 1802 und ihre EindrĂŒcke des Lake District im Vordergrund
(Murrieta-Flores et al. 2017).
Durch eine interdisziplinÀre Kombination von Methoden aus Literaturwissenschaft und
GIS ermöglicht literary mapping neue Perspektiven auf literarische Texte und den darin dar-
gestellten Raum. Literarische Karten (Moretti 2007: 53 spricht von âliterary mapsâ) stellen
eine Möglichkeit dar, einen literarischen Text durch die Auswahl bestimmter Einheiten (z.B.
Orte) zu abstrahieren und ĂŒber diese Abstraktion zu visualisieren. Dadurch kann der Fokus
auf Schwerpunkte verschoben werden, die im Rahmen einer bloĂen LektĂŒre wegfallen wĂŒrden
(Moretti 2007: 53); das Text-Bild-VerhÀltnis verschiebt sich also prÀgnant. Karten können hier-
bei fĂŒr unterschiedliche Zwecke verwendet werden:
from historical mapping of âtimeâlayersâ to memory maps, linguistic and cultural mapping, concep-
tual mapping, communityâbased mapping, and forms of counterâmapping that attempt to deonto-
logize cartography and imagine new worlds. (Presner/Shepard 2016: 202)
Die literarischen Karten eröffnen durch die Visualisierungen einen neuen Zugang zu den dar-
gestellten Inhalten. Dadurch können bestimmte quantitative Informationen â etwa zu HĂ€u-
figkeiten, Distanzen oder Verbindungen zwischen den Orten â einen neuen Blick auf einen
Text eröffnen. Zugleich ist stets zu bedenken, dass geografische Karten keine âobjektive Wahr-
heitâ darstellen, sondern stets in Relation zur Erfahrung des Raumes stehen (Murrieta-Flores
2016: 3). Dies sprechen einige Theoretiker*innen des spatial turn an, etwa De Certeau mit
seiner Unterscheidung zwischen Ort (lieu) und Raum (espace) (vgl. De Certeau 2018: 345).
Der Ort (lieu) besteht aus Elementen, die einer bestimmten Ordnung folgend eine âmomen-
tane Konstellation von festen Punktenâ (De Certeau 2018: 345) bilden. Der Ort ist statisch.
4 <http://www.literaturatlas.eu/en/index.html> [accessed 2020-10-10]
5 <https://www.lancaster.ac.uk/mappingthelakes/> [accessed 2020-10-10]
>mcs_lab>
Mobile Culture Studies, Band 2/2020
The Journal
- Titel
- >mcs_lab>
- Untertitel
- Mobile Culture Studies
- Band
- 2/2020
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Ort
- Graz
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch, englisch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 270
- Kategorien
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal