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Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel)
Erika Unterpertinger | Kartografierte Sagen 197
Dagegen steht der Raum (espace) als âein Resultat von AktivitĂ€ten, die ihm eine Richtung
gebenâ (De Certeau 2018: 345). Handlungen an und mit den Elementen des Ortes transformie-
ren den Ort zum Raum.
Gerade bei literarischen Texten steht der Ort stets mit dem literarischen Erfahrungsraum in
Verbindung, der Erfahrung einer Reise, dem âinterconnected flow of experiences that converge
in them and the roles they play as nodes in larger spatial networksâ (Murrieta-Flores et al. 2017:
3). Die Analyse von literarischen Texten mittels literary maps ermöglicht durch eine Verbin-
dung der Karten mit close reading die BerĂŒcksichtigung dieser Vernetzung von Ort und Raum
bzw. der Erfahrung der Reise von einem Ort zum anderen und durch diese Orte hindurch
(Murrieta-Flores et al. 2017: 3). Die Orte der Handlung der âErzĂ€hlungen vom Reich der Fanesâ
sind zu einem groĂen Teil klar in den drei Talschaften Fassatal, Gadertal und dem Ampezzo
lokalisierbar. Dabei ist nicht nachzuvollziehen, ob die Verortung der Sagen von Wolffs Versuch,
eine âladinische Auflage des Nibelungenliedesâ (Kindl 2002: 195) zu schreiben, stammt oder
dies auf seine Quellen zurĂŒckzufĂŒhren ist.
Kindl betrachtet die geografische Lokalisierung der Dolomitensagen und insbesondere der
âErzĂ€hlungen vom Reich der Fanesâ mit Skepsis und stellt die Frage, âob die so mĂŒhsam dem
Ladinertum zurĂŒckgegebenen Sagen dort ĂŒberhaupt wirklich anzusiedeln sindâ (Kindl 1997:
144). Dagegen steht die Annahme, dass die Verortung der lijendes durchaus Hinweise auf die
Positionierung der ErzÀhlenden geben kann. Es ist anzunehmen, dass Bevölkerungsgruppen,
die im Tal bzw. an den BerghÀngen siedelten, sich an den Bergen, die sie umgaben, orientierten
und sich Geschichten erzĂ€hlten, um ErklĂ€rungen fĂŒr bestimmte NaturphĂ€nomene, etwa einen
Stein, der aussieht wie ein versteinerter Mensch, oder die eigene Herkunft zu bieten. In den
âErzĂ€hlungen vom Reich der Fanesâ finden sich mehrere lijendes dieser Art, zum Beispiel in
Bezug auf den Falzarego-Pass: Der König der Fanes wurde auf einer Anhöhe nahe des Lagazuoi
von seinen VerbĂŒndeten festgehalten, die ihm vorwarfen, sich nicht an ihr BĂŒndnis gehalten zu
haben. Die kurze ErzÀhlung endet mit folgenden Worten:
Wer heute ĂŒber den FalzĂĄregopaĂ geht und hinaufschaut zum Berge LagazuĂČi, der sieht oben auf
dem Felsen den zu Stein gewordenen Fà niskönig, mit seinem langen Barte und mit der Zacken-
krone auf dem Haupt. Das ist der âfalsche Königâ (el fĂĄusto rĂ©go) und nach ihm â so heiĂt es â
wurde der PaĂ benannt. (Wolff 1957: 522)
Die Verankerung der ErzÀhlungen im real erfahrbaren geografischen Raum erscheint ein
logischer Schluss in Bezug auf die Àtiologische Funktion, welche die Sagen einnehmen, wobei
nicht auszuschlieĂen ist, dass einige der Ă€tiologischen Sagen als âWandergutâ (Kindl 1997: 144)
adaptiert und im Zuge dessen im Dolomitenraum verortet wurden. In diesem Fall liegt die
Annahme nahe, dass die Akteur*innen der mĂŒndlichen Ăberlieferung â etwa ladinische con-
tastories, GeschichtenerzÀhler*innen (Bernardi 2018: 171), und zuletzt auch die einfache Bevöl-
kerung, der Wolff auf seinen Wanderungen begegnete, â an der Verortung der Fragmente, die
Wolff zu den âErzĂ€hlungen vom Reich der Fanesâ synthetisierte, beteiligt waren.
b) Der âFanesâ-Datensatz
Zur Analyse der lijendes im Rahmen eines literary mapping musste zunÀchst ein Daten-
satz aus den in den ErzĂ€hlungen erwĂ€hnten Orten aufbereitet werden. HierfĂŒr habe ich die
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Mobile Culture Studies, Band 2/2020
The Journal
- Titel
- >mcs_lab>
- Untertitel
- Mobile Culture Studies
- Band
- 2/2020
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Ort
- Graz
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch, englisch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 270
- Kategorien
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal