Seite - 205 - in >mcs_lab> - Mobile Culture Studies, Band 2/2020
Bild der Seite - 205 -
Text der Seite - 205 -
Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel)
Erika Unterpertinger | Kartografierte Sagen 205
vermeintlichen Erbe, wie in der Erzählung „Der letzte der Latrónes“ (Nr. 31) dargestellt wird
(Wolff 1957: 546–549). Seine geografische Abwesenheit im Gadertal verdeutlicht zusätzlich,
dass er es versäumt, das Reich der Fanes zu erneuern — ein Auftrag, den die Königin der Fanes
dem Kleinkind zum Abschied gibt: „[D]u mußt die niefehlenden Pfeile suchen und mit ihnen
unser Reich erneuern!“ (Wolff 1957: 539).
Kindl (1997: 192) erklärt Lidsanels Scheitern mit seiner Herkunft: Er gehört zur väterlichen
Erblinie. Nachdem die „Erzählungen vom Reich der Fanes“ maternale Erblinien bevorzugen
— generell sind die lijendes geprägt von starken weiblichen Figuren (vgl. Kindl 2001; Gött-
ner-Abendroth 2016) —, scheint es ihr „kein Wunder […], daß er die niefehlenden Pfeile, das
Herrschafts-Insignum, nicht erringen kann: er hat die blutsmäßig dafür notwendigen Voraus-
setzungen ja gar nicht“ (Kindl 1997: 192).
Die Erzählungen „Auf dem dunklen Migoyn“ (Erzählung Nr. 11) und „Von der blauen
Fanis-Flamme“ (Erzählung Nr. 28) stellen darüber hinaus Schwellenräume dar: Ey-de-Net und
Lidsanel überqueren darin die Grenzen der Täler, da beide Erzählungen teilweise im Fassatal,
teilweise im Gadertal und Ampezzo spielen. Zugleich markieren sie Reisen, die in Verbin-
dung zu Übernatürlichem stehen; beide stehen im Zeichen von magischen Ratschlägen und
Prophezeihungen. Sowohl Ey-de-Net als auch Lidsanel bewegen sich entlang von Grenzen:
Lidsanel wird als Kleinkind vom König der Adler von der Scheide zwischen Welt und Unter-
welt (dem Höhlensystem der Murmeltiere) ins Fassatal gebracht, wo er aufwächst. Als Erwach-
sener zieht er sich zunehmend von der Gesellschaft zurück auf die Anhöhen: „Lidsanèl wurde
dem Bauernwesen immer fremder. Er kam gar nicht mehr in die Dörfer“ (Wolff 1957: 546).
Abb. 5: Pfade (linear) Lidsanels und Ey-de-Nets
>mcs_lab>
Mobile Culture Studies, Band 2/2020
The Journal
- Titel
- >mcs_lab>
- Untertitel
- Mobile Culture Studies
- Band
- 2/2020
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Ort
- Graz
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch, englisch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 270
- Kategorien
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal