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210 Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel)
Erika Unterpertinger | Kartografierte Sagen
(ErzĂ€hlung Nr. 28) â gebrochen, die durch die darin unternommenen Reisen eine Verbindung
zwischen den Sagenkernen herstellen.
Kindl identifiziert die Figuren Ey-de-Net und Odolghes bzw. Lidsanel als die ursprĂŒng-
lichen Sagenkerne verbindende Figuren. Eine Betrachtung des Reiseradius beider Figuren zeigt,
dass diese Funktion vorrangig Ey-de-Net zukommt: Er bewegt sich ĂŒber das gesamte Gebiet, in
dem die âErzĂ€hlungen vom Reich der Fanesâ angesiedelt sind und begeht die Ă€uĂersten Punkte
des Gebiets gen Westen (den Latemar), SĂŒden (Civetta) und Osten (Monte Amariana). Hier-
bei ist aufgefallen, dass er sich nicht durch das Fassatal, sondern an dessen Grenzen entlang
bewegt. Dies steht im Widerspruch zu Kindls Feststellung, Ey-de-Net habe, wie Odolghes und
Lidsanel, âursprĂŒnglich nur zur fassanischen Traditionslinie gehörtâ (1997: 196). Ein ErklĂ€-
rungsansatz könnte sein, dass sich an Ey-de-Net die starke Bearbeitung Wolffs zeigt, die dieser
unternahm, um die gesammelten Fragmente miteinander zu verbinden.
Im Gegensatz zu Ey-de-Net ĂŒbertritt Lidsanel abgesehen vom Adler-Flug, der in âVon der
blauen Fanis-Flammeâ (Nr. 28) impliziert wird und mit dem er von den Conturines ins Fass-
atal gebracht wird, die Grenze zum Fassatal nicht, stirbt sogar in âDer letzte der LatrĂłnesâ
(Nr. 31) bei der Verteidigung eines GrenzĂŒbergangs. Dieser Akt der heldenhaften Grenzver-
teidigung wird ein Symbol fĂŒr âdie Garantie nunmehrigen Friedens und andauernder Sicher-
heitâ (Kindl 1997: 225). Die Visualisierung in Abb. 5 zeigt, dass Lidsanel auch auf geografischer
Ebene die Grenzen des Fassatals nicht verlÀsst. Die verbindende Funktion, die er als letzter Erbe
der Fanes erfĂŒllen könnte, bleibt ihm auf narrativer wie auf geografischer Ebene verwehrt. Dies
begrĂŒndet Kindl mit seiner Herkunft, der einzigen Verbindung von Lidsanel zum geografi-
schen Raum der Fanes: âLidsanel ist nur nach kognatischem VerwandtschaftsverstĂ€ndnis der
Enkelprinz von Fanes, nach den Gesetzen der agnatischen Stammutter ist er es nichtâ (Kindl
1997: 192). Sein VersĂ€umnis, die Fanes aus dem Berg zu holen, liegt darin begrĂŒndet, dass er
nicht zur ârichtigenâ, also maternalen, Erblinie gehört. Dieses Versagen wird auf geografischer
Ebene fortgesetzt.
Ein Blick auf die ReiseanlĂ€sse zeigt weiter, dass die drei hĂ€ufigsten AnlĂ€sse fĂŒr Reisen das
SchlieĂen von BĂŒndnissen, Kriegshandlungen und die Suche nach SchĂ€tzen ist. Neben der
Figur Ey-de-Net verbinden vor allem Reisen zum BĂŒndnisschluss die drei Talschaften â das
Ampezzo wird jedoch in den ErzÀhlungen nur selten betreten, was auch damit zusammenhÀn-
gen kann, dass Wolffs Fragmente vorrangig von Personen aus dem Fassatal, dem Grödental,
dem Gadertal und Brunico-Bruneck stammen (Bernardi/Videsott 2014: 49). ErzÀhlungen rund
um strategische BĂŒndnisschlĂŒsse rahmen lijendes, in denen Schlachten geschlagen werden. Die
Reisen im Kontext von Kriegshandlungen beschrÀnken sich jeweils auf eines der drei Gebiete,
ohne diese zu ĂŒberschreiten.
Das Motiv der Schatzsuche verbindet im Rahmen der ErzĂ€hlungen âDer Silber-Seeâ (Nr. 7)
und âAuf dem dunklen Migoynâ (Nr. 11) das Kerngebiet der Fanes im Gadertal mit dem hin-
teren Fassatal. Interessant ist hierbei, dass auch der namenlose König der Fanes und Dolasilla
gerade in ersterer lijenda eine verbindende Funktion einnehmen â worauf Kindl in ihrer
umfassenden Analyse nicht eingeht. Abgesehen von diesen beiden ErzÀhlungen konzentrieren
sich Reisen im Kontext einer Suche auf das Fassatal. Dies mag damit in Verbindung stehen,
dass die ErzÀhlungen mit Lidsanel in der Hauptrolle stilistisch stÀrker an mittelalterliche Hel-
denepen angelehnt sind und damit einen moderneren Tonfall anschlagen.
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Mobile Culture Studies, Band 2/2020
The Journal
- Titel
- >mcs_lab>
- Untertitel
- Mobile Culture Studies
- Band
- 2/2020
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Ort
- Graz
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch, englisch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 270
- Kategorien
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal