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Mobile Culture Studies The Journal
>mcs_lab> - Mobile Culture Studies, Band 2/2020
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Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel) Daniel Winkler | Mobile Bildinventare 223 Fall der populären, ab 1661 mehrfach verlegten Voyage de Chapelle et Bachaumont, die auf eine Reise von Claude-Emmanuel Luillier und François Le Coigneux de Bachaumont durch Provence und Languedoc von 1656 zurückgeht, zu einer starken intermedialen und satirischen Einfärbung. Klassische Reiseziele, Grand Tour-Bildinventare und Performanzen des honnête homme werden bewusst umgangen bzw. ironisiert, u.a. indem die Leser_in und ihre Erwar- tungshaltung direkt angesprochen werden. Dies geschieht auch bei Regnard, nicht zuletzt im Rahmen seiner libertinär-epikuräischen, anti-zentralistischen und absolutismuskritischen Hal- tung (Rauline 2007, 107–124). La Provençale literarisiert das Reisen in diesem Sinn unter ironischer Bezugnahme auf Zeit- trends des späten 17. Jahrhunderts. Für die Mode psychologisch fokussierter Romane rund um tugendhafte Protagonistinnen können die später preziös genannten Erfolgsromane der Pariser Salonières Madeleine de Scudéry und Marie-Madeleine de La Fayette stehen. Clélie, histoire romaine (1654–1660) und La Princesse de Clèves (1678) fokussieren neben heroischen Helden- taten bzw. galanten ‚Eroberungen‘ von Männern v.a. zwischenmenschliche Beziehungen und innere Befindlichkeiten von Frauen. Die Kultivierung zärtlicher Gefühle und kontrollierter Lei- denschaft im Sinn soziokultureller Verfeinerung und Selbstanalyse steht dabei (in Abgrenzung zur mondän-höfischen Galanterie) im Zeichen des galant-tendre. Die positiv-weichen Aspekte der Galanterie fließen so mit moralischen Kategorien der Ernsthaftigkeit und Gegenseitigkeit, Reinheit und Natürlichkeit zusammen (Kroll 1996, 118). Im Sinn der galanterie vertueuse der Autorinnen wird die unerwiderte Liebe nicht als passiv zu erleidendes, sondern vitalisierendes Element verstanden, das Voraussetzung für das erfüllt-intensive Gefühlsleben der amitié tendre ist. Damit korrespondiert eine neue Liebeskonzeption, die amour und amitié als anti-funktio- nale und fließende Begriffe fasst (Böhm 1998, 127–131). Klassisch männliche Liebessemantiken wie die kokette Lustmaximierung der Libertins (galanterie sceptique) werden so zugunsten der Harmonie von Geist und Liebe moralisch gewendet (Kroll 1996, 270–289). Für Regnards am Rande des Kanons der französischen Literatur situierte Erzählung spielt darüber hinaus auch die satirisch-bouffoneske Perspektivierung des galant-tendre eine wich- tige Rolle. Als Komödienautor greift Regnard dabei u.a. auf Molières Theaterkomödien über galant-aristokratische Ambitionen bürgerlicher Figuren zurück. Dieser hatte schon mit dem Einakter Les Précieuses ridicules (1659) den Trend der Verfeinerung von Sprache und Verhalten nach dem Vorbild der Romane der Pariser Salonières anhand der maniriert-prüden Performanz zweier Töchter aus der Provinz persifliert. Seine Balletkomödie Le Bourgeois gentilhomme (1670) unterstreicht diese parodistische Zielrichtung mittels theatral-orientalistischer Wendun- gen im Stil der Turquerie. Molière greift hier den Konflikt um hofzeremonielle Ehr- und Überbietung zwischen Louis XIV und dem osmanischen Botschafter Süleyman Aga auf. Im Stück kann Lucile, die Tochter des einfältig-ambitiösen Jourdains, den bürgerlichen Cléonte nur heiraten, weil sich dieser dem Schwiegervater gegenüber als Sohn des Großtürken ausgibt. Molière liefert also wie die Pariser Romancières und Reiseautoren in Form populärer Bild- inventare eine (satirische) Vorlage für La Provençale. Regnards Pastiche kombiniert auf dieser Basis rund um Zelmis und die titelgebende Provenzalin eine von galant-zärtlichen Gefühlen und kontrollierter Leidenschaft geprägte Liebesgeschichte mit einer ‚missglückten‘ Grand Tour, die bis nach Algier und Lappland ausufert. Dabei referiert der Autor kontinuierlich auf Topoi, die um transmediterranes Reisen und Freibeuterei, zärtliche Zuneigung und unglückliche Liebe
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>mcs_lab> Mobile Culture Studies, Band 2/2020
The Journal
Titel
>mcs_lab>
Untertitel
Mobile Culture Studies
Band
2/2020
Herausgeber
Karl Franzens University Graz
Ort
Graz
Datum
2020
Sprache
deutsch, englisch
Lizenz
CC BY 4.0
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
270
Kategorien
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