Seite - 226 - in >mcs_lab> - Mobile Culture Studies, Band 2/2020
Bild der Seite - 226 -
Text der Seite - 226 -
226 Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel)
Daniel Winkler | Mobile Bildinventare
honnête homme alten Schlags, sondern erscheint vielmehr von Anfang an als übermäßig von
Emotionen bestimmt. So reflektiert die Figur in Form galant-stereotyper Wendungen und
Worfelder nicht nur Liebe, Schönheit und Trennung, sondern sie charakterisiert sich selbst als
unglĂĽckliche Person, die im galanten Frankreich scheinbar kein stabiles LiebesglĂĽck finden
kann. Das bewegte Meer wird so gleich am Beginn der Erzählung in Analogie zur Liebe,
das Reisen ĂĽber die See hinweg als Flucht positioniert. Zelmis erscheint so quasi als eine ihre
Befindlichkeiten allzu ausgiebig reflektierende Figur.
Dies wird noch deutlicher ab dem Moment, als sich Zelmis und Elvire samt deren Mann
de Prade auf dem britischen Schiff wiederbegegnen. Die Bildinventare der Liebe und der Reise,
der inneren und äußeren Bewegung werden zum Leitmotiv der Erzählung. Regnard macht
dabei eine Reihe von intermedialen Systemreferenzen stark: Er ironisiert mit der schlieĂźlich in
außergewöhnliche Destinationen führenden Reise die zunehmend unter romanesken Vorzei-
chen stehende Literarisierung der Grand Tour, die gebildete und wohlhabende Personen stets
ins schöne, an antikem Erbe reiche Italien führt und sich schon zu Regnards Zeiten zu einem
schichtspezifischen „grand tourisme“ entwickelt hat (Requemora 2015, 75). Gleichzeitig wird
dieser Rahmen rund um das zentrale Bildinventar der Liebe mit stilistischen und konzeptuel-
len Konventionen der zeitgenössischen französischen Literatur durchsetzt. Die Affekthaushalte
der beiden Figuren geraten mit der Entfernung von der italienischen KĂĽste mehr und mehr in
Unruhe und alles scheint im Zeichen zärtlicher Gefühle zu stehen: Beide halten schon kurze
Trennungsmomente kaum aus und kämpfen mit den Tränen. Anders als Zelmis ist die verhei-
ratete Elvire dabei einem Gewissenskampf ausgesetzt, der im Stil von Corneilles Tragödien die
amour-passion mit dem devoir, die Leidenschaft fĂĽr Zelmis mit der ehelichen Verpflichtung
gegenüber de Prade konfrontiert, so dass über große Strecken der Erzählung Kultivierung zärt-
licher GefĂĽhle und Affektkontrolle im Widerstreit stehen:
„Ich fühle, dass ich ihn nicht sehen kann, ohne ihn zu lieben, und dass ich ihn nicht ohne Ver-
brechen lieben kann. Ich schulde meine Zärtlichkeit meinem Mann, und ich fürchte, Zelmis wird
mich vergessen lassen, was ich jenem schuldig bin.“ [...] das Schiff hatte bereits die Inseln Korsika
und Sardinien passiert, als der Wachhaltende zwei Segelschiffe sah, die Kurs auf das englische
Schiff nahmen. Nirgendwo lebt man mit mehr Misstrauen als auf dem Meer: die Begegnung mit
einem Schiff ist hier kaum weniger zu fürchten als ein Riff. Zelmis, der bei der schönen Provenzalin
war, als er diese Neuigkeit erfuhr, verlor keinen Gedanken an die groĂźe Gefahr, die ihm drohte,
und da er kein anderes UnglĂĽck kannte als das, sie nicht zu sehen, glaubte er nichts zu befĂĽrchten
zu haben, solange er bei ihr weilte.6
Der hier beschriebene Gewissenskampf Elvires markiert dabei nicht zufällig eine erste Peripetie
von Cléomèdes Geschichte: Als sich das Schiff auf offenem Meer befindet und sich schon der
französischen Küste anzunähern scheint, werden plötzlich zwei Seegel sichtbar, die auf das bri-
tische Schiff zusteuern. Sogleich wird ĂĽber Bilder der Meeresgefahren klar, dass es sich wohl um
6 „Je sens que je ne puis le voir sans l’aimer, et je ne puis l’aimer sans crime. Je dois ma tendresse à mon époux, et
j’appréhende que Zelmis ne me fasse oublier ce que je lui dois.“ [...] le vaisseau avait déjà passé les îles de Corse et
de Sardaigne, quand celui qui faisait le quart aperçut deux voiles qui portaient le cap sur le bâtiment anglais. Il
n’y a point de lieu oĂą l’on vive avec plus de dĂ©fiance que sur la mer: la rencontre d’un vaisseau n’est guère moins Ă
craindre qu’un écueil. Zelmis, qui était auprès de la belle provençale quand il apprit cette nouvelle, ne fit aucune
réflexion au péril qui le menaçait; et comme il ne connaissait d’autre malheur que celui de ne la pas voir, il crut
qu’il n’avait rien à craindre tant qu’il serait avec elle. (486–488)
>mcs_lab>
Mobile Culture Studies, Band 2/2020
The Journal
- Titel
- >mcs_lab>
- Untertitel
- Mobile Culture Studies
- Band
- 2/2020
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Ort
- Graz
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch, englisch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 270
- Kategorien
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal