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Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel)
Daniel Winkler | Mobile Bildinventare 227
ein Freibeuterschiff handeln und hiermit eine deutliche Wendung des Schicksals der Figuren
eintreten, d.h. das Schiff gekapert wird. Doch das ändert erst einmal wenig am Stil der Erzäh-
lung bzw. an den Emotionen der Figuren. Die inneren Konflikte von Elvire und Zelmis, die oft
über eingestreute direkte Reden fokussiert werden, behalten Oberhand: Zelmis pflegt weiterhin
die Entfaltung galant-zärtlicher Gefühle, zeigt sich unerschrocken von den äußerlichen Ereig-
nissen und fürchtet nach wie vor nur die Trennung von Elvire.
Was aufs Erste wie ein plattes Gendering aussehen mag, wird im Verlauf der Handlung
über eine Bezugnahme auf die geschlechterübergreifende Liebeskonzeption der Salonières, die
amitié tendre, austariert. Zwar ist Elvire mit ihrer Affektkontrolle hier in Anleihe an die lite-
rarische Tradition gestaltet, doch der Plot macht spätestens beim Eroberungskampf zwischen
Christen und Osmanen deutlich, dass die mit dem schlechten Gewissen ringende Figur, sobald
äußere Gefahren drohen, ebenso wie der zärtlich-galante Zelmis moralisch entschlossen, ja fast
heroisch handeln kann. Am Ende der Schlacht um die Übernahme des Schiffes kann freilich
niemand gegen die osmanische Übermacht ankommen. Das Boot gelangt so unter das Kom-
mando der Freibeuter, Zelmis, Elvire und de Prade werden gefangengenommen und landen
schließlich in unterschiedlichen Ecken Algiers. Die von Zelmis so befürchtete Trennung von
Elvire tritt ein, so dass dieser bald alles daran setzen wird, mit ihr wieder zusammen zu kom-
men.
Nordische Reisen und galante Literaturwelten
Können die beiden Liebenden in La Provençale nach einer Reihe von Wirrungen und Wen-
dungen wieder ein Schiff besteigen und vereint im Zeichen der amour-passion nach Frankreich
zurückkehren, so sorgt der Satiriker Regnard dafür, dass deren Glück nicht von langer Dauer
ist. Im letzten Viertel des Texts zeigt sich alsbald, dass Zelmis und Elvire auch in Frankreich in
kein wohltemperiertes Leben mehr zurückfinden werden. An die Stelle der Analogie von Meer
und Liebe im Sinn einer Entsprechung von innerer und äußerer Bewegtheit setzt der Comédie
Italienne-erprobte Regnard am Festland auf eine Reihe von bouffonesken Peripetien, die im
Stil von Molière bzw. Regnards eigenen Stücken für einen intermedial dichten und zuneh-
mend beschleunigten Verlauf seiner Erzählung sorgen: Der Pesttod de Prades erweist sich als
Irrtum, so dass der tief gläubige Mann zu seiner Frau nach Arlès zurückkehrt. Das galant-
zärtliche Liebespaar Zelmis und Elvire muss sich also abermals trennen, de Prades ‚Wieder-
geburt‘ wird mit einer neuerlichen Hochzeitsfeier begangen. Zelmis kann nicht anders, als
aus Frankreich zu flüchten. Er unternimmt jahrelange Reisen, die für einen zumindest räum-
lichen Abstand sorgen.
Greift die mit unter 50 Seiten recht knappe Erzählung dramaturgisch gesehen zunehmend
auf Theatercoups zurück, so wird La Provençale nun inhaltlich wieder deutlich durch Züge
des Reiseberichts und enstprechende mobile Bildinventare durchsetzt. Regnard zitiert hier über
die Analogie von unglücklicher Liebe und weitem Reisen ganz konkret seine eigene Voyage en
Laponie, die ihn 1681 zusammen mit dem schon erwähnten Claude Auxcousteau de Fercourt
an diverse nordeuropäische Höfe geführt hat. Er zeichnet also im Stil autofiktionaler Ironie
einen Protagonisten, der im Zeichen des galant-tendre seinen Liebesschmerz in Form von
Rastlosigkeit kultiviert:
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Mobile Culture Studies, Band 2/2020
The Journal
- Titel
- >mcs_lab>
- Untertitel
- Mobile Culture Studies
- Band
- 2/2020
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Ort
- Graz
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch, englisch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 270
- Kategorien
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal