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Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel)
Daniel Winkler | Mobile Bildinventare 235
schaffende ironisch-intermediale Rahmung, diesmal in Form der Ekphrasis: In Algier wird aus
dem aristokratischen Reisenden Zelmis der Sklave Achmet Thalems, dem aber gewisse Freihei-
ten eingestanden werden. Er arbeitet fĂŒr seinen Besitzer als Maler und kann als solcher schlieĂ-
lich auch im Serail des Dey tĂ€tig werden. Denn Baba-Hassan sucht jemanden, der TĂŒcher mit
Blumen bemalt, die fĂŒr die von ihm verehrte Elvire als Vorlage fĂŒr Stickereien dienen können.
Zelmis kommt so mittels seiner Profession seinem Verlangen, wieder bei Elvire zu sein, einen
ersten Schritt nÀher. Er kann sich seiner Geliebten erst einmal abstrakt annÀhern, indem er
seine trist-zĂ€rtlichen GefĂŒhle bildlich in Form blassfarbener Blumen wie Veilchen umsetzt, die
als Symbol fĂŒr Melancholie, Sanftmut und Liebe gelten: âce nâĂ©tait partout que pensĂ©es, que
soucis, que violettesâ, ĂŒberall waren nur StiefmĂŒtterchen, Ringelblumen und Veilchen (495).
Am Abend wird Zelmis nach getaner Arbeit im Harem untergebracht, wo er neben anderen schö-
nen orientalischen Frauen auch seine durch einen Kaftan kaum verhĂŒllte Elvire erspĂ€hen kann:
[...] seine Augen erkannten sie ebenso mĂŒhelos unter diesem schönen Ensemble wieder, wie sein
Herz sie vom Rest der menschlichen Wesen unterschied. Sie war an diesem Tag wie die Frauen des
Landes gekleidet, das heisst sie war fast nackt. Ihr entblöĂter Busen entfachte tausend Feuer und
ihr schönes schwarzes Haar, das mit einem feuerfarbenen Tuch zusammengebunden war, fiel ihr
ungeordnet auf die blendend weiĂen Schultern.15
Der Harem wird hier ganz klassisch zum Ort der Erotik, auch wenn sich das mÀnnliche Begeh-
ren und Blicken ganz auf das âEigeneâ, sprich: die âschöne Provenzalinâ richtet. Der Anblick von
Elvires Busen, Schultern und schwarzen Haaren fahren in Zelmis Empfinden blitzartig wie ein
helles Funkeln und Blenden ein. Regnard verarbeitet mit diesem Bild freilich einen literarischen
Topos, den der dem Mann im Negligé halbnackt erscheinenden Geliebten, der durch (SchÀfer-)
Romane wie dâUrfĂ©s AstrĂ©e (1607 ff.) oder de La Fayettes Princesse de ClĂšves allseits gelĂ€ufig ist
(Blanc 2012, 32â33). Allerdings adaptiert Regnard ihn vor dem Hintergrund des Schauplatzes
im orientalistischen Fahrwasser. Elvire tritt Zelmis hier nicht im eigenen privaten Schlafgemach
und auf Initiative des Liebhabers entgegen, sondern im âfremdenâ Harem als semi-öffentlichem
Raum. Nichtsdestotrotz wird dabei das Bildinventar des Harems weitgehend von generischen
Konventionen ĂŒberlagert.
Dies Àndert sich einige Seiten weiter mit einer zweiten Haremsszene: Zelmis hat inzwi-
schen vergebens versucht, mit Elvire per Boot zu flĂŒchten. Von Achmet Thalem unter Haus-
arrest gestellt, sollen ihn nun dessen vier Haremsdamen unterhalten und ĂŒberwachen. Regnard
leitet diese Szene mit auktorialen Betrachtungen zur Liebe bei den âTĂŒrkenâ ein, die âcouvert
de fleursâ, mit Blumen bedecket sei (502). Ganz im Gegensatz zu den kapriziösen Französin-
nen, die grausame Liebesstrategien praktizierten, verfĂŒgten die Frauen hier ĂŒber einen grie-
chisch-römischen Stolz. Sie wĂŒrden die âloi de la natureâ, das Gesetz der Natur dem Gesetz
Mohammeds vorziehen, also erst einmal Frau, dann âTĂŒrkinâ seien (502). Regnards âSittenbildâ
steht so deutlich im Zeichen eines idealisierenden orientalistischen Blickregimes, das weibliche
Fremdheit und mÀnnliches Begehren koppelt. Nicht ohne Ironie verkehrt der Autor auf diese
Weise galant-ânationaleâ Konventionen, indem er den Harem zum Pays de Tendre und Paris
15 â[...] ses yeux la reconnurent aussi aisĂ©ment parmi cette belle troupe, que son cĆur la distinguait du reste des
crĂ©atures. Elle Ă©tait vĂȘtue ce jour-lĂ comme les femmes du pays, câest-Ă -dire quâelle Ă©tait presque nue; sa gorge
toute dĂ©couverte inspirait mille feux, et ses beaux cheveux noirs, renouĂ©s dâune Ă©charpe couleur de feu, tombaient
sans ordre sur des Ă©paules qui Ă©blouissaient par leur blancheur.â (495â496)
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Mobile Culture Studies, Band 2/2020
The Journal
- Titel
- >mcs_lab>
- Untertitel
- Mobile Culture Studies
- Band
- 2/2020
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Ort
- Graz
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch, englisch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 270
- Kategorien
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal