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Mobile Culture Studies The Journal
>mcs_lab> - Mobile Culture Studies, Band 2/2020
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Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel) Daniel Winkler | Mobile Bildinventare 237 chrĂ©tien trouvĂ© avec une mahomĂ©tane expie son crime par le feu, ou se fasse musulman“ (508). Wie Sylvie Requemora bemerkt hat (2007, 155), verwandelt sich also die Carte de Tendre in eine „Landkarte des Hasses, auf der der Weg der Rache alle Etappen Mlle de ScudĂ©rys bis zum ‚Meer der Feindseeligkeit‘ folgt“.17 Anders gesagt: Die Szene steht ganz im Zeichen von Schrecken und Schauder, so dass nur krĂ€ftige Theatercoups, u.a. eine zweiteilige Peripetie, eine Milderung des Schicksals des Protagonisten herbeifĂŒhren können. Im Stil eines Deus ex Machina taucht in der ErzĂ€hlung die Figur des französischen Konsuls in Algier auf, der von der ganzen Angelegenheit erfahren hat und nun versucht, auf Achmet einzuwirken. Regnard beschwört dabei nicht nur den literarischen Topos des geschĂ€ftstĂŒchtig-geldgierigen Mauren, sondern spielt klar an MoliĂšres Bourgeois gentilhomme (1670) an, wenn er den Konsul gegen- ĂŒber Achmet argumentieren lĂ€sst, dass manchmal nichts falscher sei als die „apparences“, der Anschein, und er mit Ausnutzung seiner Macht ĂŒber Zelmis nicht nur seine „gloire“, seinen Ruhm (508), sondern auch eine stattliche Summe Geld riskieren wĂŒrde, die gerade fĂŒr den Frei- kauf eingetroffen sei. So sagt dieser schließlich vor Gericht aus, dass es sich bei der Beziehung Zelmis zu Fatma nur um einen Verdacht handle und das Verfahren wird eingestellt. Bevor Regnard das weitere Schicksal Zelmis und Elvires entfaltet, referiert er nicht nur auf das orientalistische Bildinventar des Harems und die kulturgeschichtliche Praxis des Freikaufs von Sklaven. Er versieht die Passage auch mit einem ironischen Metakommentar zum Hand- lungsverlauf, der auf immer mehr Theatercoups und eine immer stĂ€rkere Raffung der erzĂ€hlten Zeit baut, und deutet schon eine weitere glĂŒckliche Wendung an: „Es bedarf nur eines Augen- blicks, um das Ansehen der ausweglosesten Angelegenheiten zu verĂ€ndern, und das Schicksal gefĂ€llt sich allein in diesen großen und plötzlichen Wendungen“.18 Zelmis Freilassung folgt so die Wiedervereinigung mit Elvire, die ihm vom Konsul zuge- fĂŒhrt wird, so dass die beiden alsbald vereint nach Frankreich zurĂŒckkehren können. Die ErzĂ€hlung kommt dabei auch hier nicht ohne intermediale Systemreferenzen aus: Die Ver- einigung der beiden ist klar als Wiedererkennung markiert; kathartisch gereinigt erscheint der Protagonist nicht nur wieder als galanter Verehrer, sondern der Abschied aus Algier steht auch ganz im Zeichen poetischer Gerechtigkeit. Im Sinn der zyklischen Tradition der Novellistik wird mit dem Besteigen eines Schiffes auf den Anfang der Abenteuer der beiden verwiesen, nur dass die Fahrt diesmal im Zeichen des galant-tendre ‚harmonisch‘ eingebettet ist. Die neu errungene Freiheit und Zusammenkunft der Liebenden wird mit vielen TrĂ€nen, der wieder erstrahlenden Freude Zelmis und Schönheit Elvires belegt. Letztere erzĂ€hlt diesem vom angeb- lichen (Pest-) Tod de Prades, der im Stil eines weiteren clin d’Ɠil an die Princesse de ClĂšves und ihren aus mangelnder Zuneigung verstorbenen Gatten erfolgt.19 Auf der Fahrt begegnen Elvire und Zelmis statt einem osmanischen Freibeuterschiff einem mit christlichen OrdensbrĂŒdern. Mit ihrer amour-passion stellt sich ein heftiger Sturm ein, der andeutet, dass die beiden schnell, vereint und glĂŒcklich nach Frankreich gelangen werden: 17 „Carte de Haine, oĂč la voie de la vengeance emprunte toutes les Ă©tapes de Mlle de ScudĂ©ry menant Ă  la ‚Mer d’inimitiĂ©â€˜â€œ. 18 „Il ne faut qu’un moment pour changer la face des affaires les plus dĂ©sespĂ©rĂ©es, et la fortune ne se plaĂźt que dans ces grands et soudains changements.“ (508) 19 „[...] mein Mann ist nicht mehr und die Ursache seines Todes kommt ohne Zweifel nur von meiner Flucht mit Ihnen“ („[...] mon mari n’est plus, et la cause de sa mort ne vient sans doute que de ma fuite avec vous“, 509).
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>mcs_lab> Mobile Culture Studies, Band 2/2020
The Journal
Titel
>mcs_lab>
Untertitel
Mobile Culture Studies
Band
2/2020
Herausgeber
Karl Franzens University Graz
Ort
Graz
Datum
2020
Sprache
deutsch, englisch
Lizenz
CC BY 4.0
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
270
Kategorien
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