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Mobile Culture Studies The Journal
>mcs_lab> - Mobile Culture Studies, Band 2/2020
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238 Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel) Daniel Winkler | Mobile Bildinventare Zu der Zeit, als die Liebenden gerade nach Frankreich zurückfuhren, verließen sie sich kaum einen Moment. Sie begegneten auf ihrer Fahrt nur einem Schiff aus Marseille, das einige Mönche nach Algier führte, die dort Gefangene freikaufen wollten, und sie wurden von einem stürmischen Wet- ter überrascht, das nur dazu diente, sie schneller dorthin zu führen, wohin sie fahren wollten. Schließlich erreichten sie La Ciotat, von wo sie am folgenden Tag von Gesundheitsbeamten nach Marseille begleitet und im Lazarett der Quarantäne unterstellt wurden. Dort hatten sie alle Zeit der Welt zur Verfügung, um einander zu sagen, was sie füreinander empfanden.20 Mit diesem Szenario der Überfahrt und Heimkehr nach Frankreich wird der Pastiche-Cha- rakter von La Provençale noch einmal augenscheinlich. Rund um die Worfelder der Befreiung und Heimkehr wird eine ganze Serie von bereits bekannten populären Bildinventaren auf- gerufen. Konventionen des galant-zärtlichen Romans werden mit kulturgeschichtlichen Topoi der ‚Berberküsten‘-Erzählung überblendet. Die Quarantäne in Marseille erscheint stereotyp als körperlich-affektive Reinigung und Verarbeitung des im ‚Orient‘ erlebten. Sie ebnet — so scheint es hier — den beiden Liebenden den Weg in ein neues glückliches Leben im christlich- provenzalischen Hinterland. Die weitere Handlungsentwicklung wird die Leser_innen freilich eines Besseren belehren und diesen transformativen Transfer übers Meer als eine von einer Reihe von Wendungen des Schicksals von Zelmis und Elvire erkennen lassen, die zusammengenommen eine satirische Bilderreise durch den Mittelmeerraum und die Literaturgeschichte konstituieren. Fazit Resümierend kann Jean-François Regnards La Provençale so als hybride Erzählung gefasst werden, die an einer epochen- und wissensgeschichtlichen Schwelle verortet ist und exempla- risch deutlich macht, wie über die Zusammenführung ausdifferenzierter Bildinventare neue Formen und Geschichten entstehen. Bei aller ästhetischer Hybridität, die der diverse Trends kombinierende Text aufweist, kann dabei kaum von einer kulturellen Hybridisierung gespro- chen werden. Denn trotz der zwischen kontrastreichen Orten oszillierenden Reise- und Entfüh- rungsnarrative bleibt der Text, das hat die Szene der Überfahrt nochmal deutlich gemacht, sti- listisch und kulturell fest in der literarischen Tradition Frankreichs verankert. Über Rückgriffe auf ein breites Spektrum von Bildinventaren, das von der Reise- und Entführungsliteratur über populäre Theaterdramaturgien des 17. Jahrhunderts bis zu den Affektpoetiken der galanterie vertueuse und des code tendre reicht, kreiert Regnard so ein dichtes Pastiche. Kontinentale und mediterrane Schauplätze, Reise- und Liebesabenteuer, Aufregendes und Besänftigendes werden so austariert und mit einer gehörigen Portion Ironie versehen. Trotz aller kultur- und literaturhistorischen Differenzen lassen sich dabei Gemeinsamkeiten von Regnards Text mit der mediterranen Tradition der Novellistik ausmachen. Schon Giovanni Boccaccios Decameron, der mit einigen Novellen den byzantinischen Abenteuerroman paro- diert (u.a. V.2, VII.2), inszeniert Entführungsgeschichten, in denen wohlerzogen-wohlhabende 20 „Pendant le temps que ces amants furent à repasser en France, ils ne se quittèrent presque pas d’un seul moment; ils ne rencontrèrent, en faisant leur route, qu’un vaisseau de Marseille, qui portait en Alger quelques religieux, lesquels y allaient racheter des captifs, y ayant été surpris d’un gros temps, qui ne servit qu’à les porter plus vite où ils voulaient aller. Ils arrivèrent enfin à la Ciotat, où on leur donna le lendemain des gardes de santé pour les conduire à Marseille, et y faire quarantaine au lazaret. Ce fut dans ce lieu-là qu’ils eurent tout le temps de se dire ce qu’ils sentaient l’un pour l’autre.“ (512)
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>mcs_lab> Mobile Culture Studies, Band 2/2020
The Journal
Titel
>mcs_lab>
Untertitel
Mobile Culture Studies
Band
2/2020
Herausgeber
Karl Franzens University Graz
Ort
Graz
Datum
2020
Sprache
deutsch, englisch
Lizenz
CC BY 4.0
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
270
Kategorien
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