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Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel)
Holger Helm | Essay: „Es ist ein Aberglaube geworden, dass man vom Zugfenster aus nichts sieht.“ 247
Eine Übertragung des Werkes ins Französische erscheint schließlich doch noch — 99
Jahre (!) nach der schwedischen Erstauflage — 1988 als Parmi les paysans français. Im eng-
lischen Sprachraum, wo eine Übersetzung bis heute auf sich warten lässt, bleibt es lange Zeit
nur bei einem kurzen Verweis auf das Werk durch Lizzi Lind-Af-Hageby 1913 in ihrem Buch
August Strindberg, the Spirit of Revolt: Studies and Impressions. Sie übersetzt den Titel dabei
als Erste mit Among French Peasants (Lind-Af-Hageby 1913: 228).
Erst mehr als ein halbes Jahrhundert später — 1966 — führt der an der Universität Stras-
bourg tätige Literaturwissenschaftler Elie Poulenard die englischsprachige Leserschaft ausführ-
licher an das Werk heran. 2010 geht in den USA Anna Westerståhl Stenport dann noch viel-
schichtiger auf Strindbergs Frankreichreportage ein. Der Aufsatz „Rural Modernism: Ethno-
graphy, Photography, and Recollection in Among French Peasants“ ist Bestandteil ihres Buches
Locating August Strindberg‘s Prose: Modernism, Transnationalism, and Setting. Für des-
sen Einband greift die Autorin bezeichnenderweise auf ein Foto mit gespiegelten Bahngleisen
zurück [siehe Abb. 4].
Dass ein Jahr zuvor eine Neuauflage der deutschen Übertragung von Emil Schering Unter fran-
zösischen Bauern (1920er Ausgabe) mit einem Essay zum Werk von Thomas Steinfeld erschienen war,
registriert Westerståhl Stenport wahrscheinlich nicht oder erst nach Drucklegung ihres Bandes.
Das Echo auf diese Neuauflage durch den Eichborn Verlag in seiner Reihe Die andere Bib-
liothek (2009) ist in Deutschland durchweg positiv. Die Rezensenten sind erbaut über Strind-
bergs Reportagekunst, das bäuerliche Leben in Frankreich Ende des 19. Jahrhunderts betreffend.
Aber anders als bei Elie Poulenard (1966) und dann später bei Anna Westerståhl Stenport
(2010), sind die in der Reportage zu lesenden vielen Zugfensterblicke Strindbergs nicht Gegen-
stand der Einlassungen.
Ein Ziel dieses Aufsatzes ist deshalb eine Zusam-
menstellung der in Unter französischen Bauern (1920er
Ausgabe) eingestreuten Zugfensterblicke. Diese sind
durchweg in der rund 100 Seiten umfassenden „Zwei-
te[n] Abteilung / Autopsien und Interviews“ platziert
und folgen dort einer, an der Fahrtroute ausgerichteten,
regionalen Gliederung in acht Kapiteln von Franche
Comté über Picardie, Bretagne, Gyenne und Languedoc
bis hin zu Auvergne und Morvan.
Mit der Wahl des Reisemittels Eisenbahn setzt
Strindberg auf eine — im wahrsten Sinne des Wortes
— möglichst zügige Frankreichquerung, weil dies „den
Überblick erleichtert“ (1920: 101). Die dabei erhoffte
„Totalwirkung“ — im schwedischen Originaltext:
„totalverkan“ (1914: 100) — bei der Wahrnehmung der
durchfahrenen Gegenden solle nicht dadurch verloren
gehen „daß man bei Einzelheiten verweilte“ (1920, 101).
An anderer Stelle bezieht sich Strindberg nochmals
auf diese von vornherein beabsichtigte Wirkung. Der
deutsche Übersetzer wählt dort für das schwedische
Abb. 4: Ansicht des Bandes
von A.W. Stenport (2010)
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Mobile Culture Studies, Band 2/2020
The Journal
- Titel
- >mcs_lab>
- Untertitel
- Mobile Culture Studies
- Band
- 2/2020
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Ort
- Graz
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch, englisch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 270
- Kategorien
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal