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Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel)
Holger Helm | Essay: „Es ist ein Aberglaube geworden, dass man vom Zugfenster aus nichts sieht.“ 251
Die 16 Zugfensterblicke August Strindbergs2
1 Auf der Fahrt von Luzern nach Vesoul, 30.8.1886 — vor Vesoul (Kartographie: A)
Die Sonne senkt sich und die Landschaft hüllt sich in eine leichte Dämmerung, über die noch eine
Weile die hellblaue Kette der Vogesen hervorragt. Dann schmilzt alles zusammen in ein undefi-
nierbares Grau, und nur die Weißdornhecke längs der Bahnlinie ist noch vom Coupéfenster aus
wahrzunehmen […]. (1920: 109)
The sun is setting and the landscape is cloaked in the beginning twilight above which still for a
while the light-blue chain of the Vosges stands out. Then everything is melting down into a non-
descript grey, and only the hawthorn hedge alongside the railway line is still discernible through the
compartment window […]. (Übersetzung M.B.)
Solen sänker sig och landskapet svepes i en lätt skymning, över vilken ännu Vogesernas ljusblå kedja
sticker upp en stund. Så smälter allt tillsammans i ett outredbart grått, och endast hagtorns-häcken
utmed banlinjen kan ännu skönjas genom kupéfönstret […]. (1914: 108)
Le soleil se couche et le paysage est enseveli dans un faible crépuscule, au-dessus duquel la ligne
bleue des Vosges se dresse encore un moment. Puis, d’un seul coup, tout se fond dans un gris inex-
tricable, et seules les haies d’aubépines le long de la voie ferrée peuvent être distinguées encore de la
fenêtre du wagon […]. (1988: 115)
2 Auf der Fahrt von Chaumont nach Epernay, 1.9.1886 — hinter St. Dizier
Nördlich von St. Dizier breitet sich die Ebene aus mit schwachen Erhöhungen und verstreuten
Oasen von etwa fünfzig Bäumen: eine in ihrer Art einzige Landschaft. Man hat nämlich angefan-
gen, die KreidehĂĽgel mit Kiefern zu bepflanzen, und die Physiognomie der Landschaft macht also
eine Entwicklung durch. (1920: 126)
3 Auf der Fahrt von Laon nach Lille, 3.9.1886 — bei Tergnier
Bei Tergnier passieren wir die Grenze zur Picardie. Birke, Erle und Espe nehmen den Platz der
Akazie am Bahndamm ein, und in den Gärten haben Kohl und Lauch, die warmen Gemüse der
Germanen, die vielen kalten Salatgewächse der Gallier verdrängt. Auf der Höhe von St. Quentin
wird beim Bauen besonders Ziegel benutzt. GroĂźe Weidenplantagen erstrecken sich an den FlĂĽssen
entlang. (1920: 138–139)
4 Auf der Fahrt von Laon nach Lille, 3.9.1886 — bei Chambray (Kartographie: B)
Luzernen- und Kleefelder tanzen vorbei, daran erinnernd, daĂź hier auch Viehzucht getrieben wird
[…] Mitten in diesen nordischen Gegenden erhebt sich ein hellgrünes saftiges Wäldchen von Fut-
termais, das mit seinen südländischen Formen und Farben das Gemälde einen Augenblick belebt;
gleich darauf wird es wieder schwarz, schwarz von der traurigen Pferdebohne […]. (1920: 141)
Fields of lucerne and clover are dancing past, reminding us that here livestock breeding is also
2 Anmerkung: Zitate mit dem Zusatz Kartographie: A bis I wurden als repräsentative Auswahl in den literatur-
kartographischen Entwurf [siehe Abb. 9] aufgenommen. Sie sind neben Deutsch (1920) zu dessen sprachlicher
Erweiterung nachfolgend auch in Englisch (ĂĽbersetzt von Manfred Buchroithner, M.B.), Schwedisch (1914) und
Französisch (1988) lesbar.
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Mobile Culture Studies, Band 2/2020
The Journal
- Titel
- >mcs_lab>
- Untertitel
- Mobile Culture Studies
- Band
- 2/2020
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Ort
- Graz
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch, englisch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 270
- Kategorien
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal