Seite - 262 - in >mcs_lab> - Mobile Culture Studies, Band 2/2020
Bild der Seite - 262 -
Text der Seite - 262 -
262 Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel)
Birgit Englert | Rezension: Bell Collective
zu ihren männlichen Kollegen kaum je nach technischen Details ihrer Kameras gefragt wird.
Namensgeberin der Gruppe ist die britische Reisende Gertrude Bell, die, 1868 in Groß-
britannien geboren, als Schriftstellerin, Archäologin und Forschungsreisende bekannt wurde.
Insbesondere den „Nahen Osten“ (Westasien) bereiste sie ausgiebig und hielt ihre Eindrücke
in Reisetagebüchern und Fotografien fest. Als Informantin für den britischen Geheimdienst
nahm sie nach dem Ersten Weltkrieg eine durchaus bedeutsame Rolle bei der kolonialen Auf-
teilung des osmanischen Reiches nach dessen Zerfall ein. Rosemary O’Brien, die Bells Tage-
bücher editiert und veröffentlich hat, betont: „Diaries and reports such as Bell’s provided the
British Empire with the raw material that enabled it to govern large parts of the globe with little
manpower.“ O’Brien macht auch deutlich, dass Gertrude Bell sich ihres Einflusses durchaus
bewusst war und kommt zu dem Schluss: „These documents were important in another way,
enabling people who did not hold office to affect policy by virtue of their expertise. Clearly,
Gertrude Bell sought fame and influence in this way“ (O’Brien 2000: xi).
Die durchaus aktive Rolle, die Bell in der britischen Kolonialpolitik spielte, wird im Bild-
band jedoch an keiner Stelle thematisiert. Vielmehr wird Bell, die als allein reisende Frau in
Regionen kam, „in denen vorher nur wenige Männer aus dem Westen waren,“ eine Vorbild-
funktion zugesprochen (S. 17). Der Untertitel des Buches „Unterwegs mit den neuen Pionierin-
nen der Reisefotografie“ macht deutlich, dass sich die jungen, auf Instagram groß gewordenen
Fotografinnen, als Nachfolgerinnen von Bell positionieren — allerdings ohne jegliche kritische
Reflexion über deren Wirken.
Abgesehen von der aus Sicht der Rezensentin verunglückten Namenswahl für das Kollektiv,
ist der Band ein durchaus spannender Versuch, Fotografie, die auf Instagram populär wurde,
auf das Format Bildband zu übertragen. Die Social Media-Plattform wird gemeinhin mit einer
gewissen Ästhetik assoziiert, zu deren Elementen neben dem für die Anfangsjahre charakteris-
tischen quadratischen Format, die zahlreichen Filterangebote und die Dominanz von Selfies
zählen. Einen eigenen künstlerischen Blick zu entwickeln, ist freilich auch mit Instagram als
Präsentationbühne möglich. Rudya stellt klar: „Wie überall auf der Welt kannst du auch auf
Instagram oberflächlich oder tiefgründig sein“ (S. 19).
Das Bell Collective nimmt für sich in Anspruch, professionelle Fotografie und Vielfalt zu
bieten. Das bedeutet Rudya zufolge unter anderem, dass die Fotografinnen des Bell Collective im
Gegensatz zu Influencer*innen auch dorthin reisen, wo es sich finanziell nicht lohnt; an Orte
etwa, an denen es keine Hotels gibt, deren Einrichtung bemüht „instagramable“ ist und die
bereit wären, die Reise im Gegenzug für Präsenz auf Social Mediakanälen zu finanzieren (S. 21).
Abgesehen von der gemeinsamen Abgrenzung zu dem, was als typischer Instagram-Stil
wahrgenommen wird, eint die Fotografinnen des Bell Collective keine bestimmte Ästhetik.
Die 14 im Band porträtierten Fotografinnen haben recht unterschiedliche Stile von Reisefoto-
grafie entwickelt und so ist es nur konsequent, dass sich die Struktur des Buches an den Foto-
grafinnen orientiert und nicht an den Orten, die sie bereist haben. In jedem der dreiteiligen
Kapitel erzählt die porträtierte Fotografin zunächst, wie sie zur Fotografie gekommen ist und
was diese für sie bedeutet. Auch ihre persönlichen Vorlieben beim Reisen und sowohl bereits
bereiste Orte als auch Sehnsuchtsorte werden thematisiert. In einem kurzen Steckbrief wird
schließlich nach den Eckdaten der technischen Ausrüstung, dem wichtigsten Gepäckstück sowie
dem schönsten Reisesouvenir gefragt und auf die Instagram-Adresse und Homepage verwiesen.
>mcs_lab>
Mobile Culture Studies, Band 2/2020
The Journal
- Titel
- >mcs_lab>
- Untertitel
- Mobile Culture Studies
- Band
- 2/2020
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Ort
- Graz
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch, englisch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 270
- Kategorien
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal