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266 Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel)
Birgit Englert | Rezension: Ăśber die Grenzen
Denn die Reise der drei Ă–sterreicher von Wien nach Teheran ist nicht die einzige Gren-
zen überschreitende Fahrt, von der in diesem Buch erzählt wird. Es enthält auch die Flucht-
geschichten von Malek aus Afghanistan und Filip aus Syrien, die im Sommer 2015 auf einer
zumindest in Teilen ähnlichen Strecke wie die drei Österreicher unterwegs waren. Allerdings
in die Gegenrichtung: Und nicht, um Abenteuer zu erleben und sich ihrer Männlichkeit und
Sportlichkeit zu versichern, sondern um am Leben zu bleiben.2
Franz Paul Horn hat die beiden jungen Männer nach seiner Rückkehr von der Radreise in
Ă–sterreich kennengelernt. Filip war in der Zwischenzeit bei Horns Vater in Salzburg (Land)
eingezogen, Malek hingegen hatte sich in Wien mit einem von Horns ehemaligen Schulkolle-
gen angefreundet.
Durch seine Bekanntschaft mit Filip und Malek wird dem Autor bewusst, wie unterschied-
lich ihre Fahrten waren, obwohl sie zumindest teilweise durch dieselben Länder geführt hatten.
Er beschlieĂźt, die Geschichten ihrer Flucht in sein Buch einzubauen; basierend auf zahlreichen
Interviews und Gesprächen mit den beiden, jedoch von ihm selbst verfasst. Horn spricht auch
mit anderen Geflüchteten, die ihm zufolge ähnliche Fluchtgeschichten haben, und recher-
chiert weitere Quellen, auf die er im Buch nicht näher eingeht. In seinem kurzen Epilog stellt
der Autor fest: „Es ist davon auszugehen, dass diese Erzählungen die Fluchtrealität sehr exakt
widerspiegeln“ (S. 398).
Die Geschichten von Filip, der von Damaskus nach Salzburg geflĂĽchtet ist, und von Malek,
den seine Flucht von Kabul nach Wien geführt hat, sind verschränkt mit den Teilen, in denen
der Autor von der Radreise berichtet. Die Radreiseerzählung macht rund die Hälfte des Buches
aus und ist in 27 Kapitel gegliedert, die in der Regel jeweils mehrtägige Teiletappen umfassen.
Die Flucht von Filip wird in 13, die von Malek in 12 Kapiteln erzählt, die mehr oder weniger
alternierend jeweils hinter eine Etappe der Radabenteurer gestellt sind und sich durch hell-
graues Papier und eine andere Schriftart optisch abheben. In den meisten Fällen beginnen die
Kapitel der Fluchterzählungen mit einem Satz in der dritten Person, der den Namen des Prot-
agonisten enthält. Danach setzt der Text als Ich-Erzählung fort. Der Autor Horn entwirft also
einen Ich-Erzähler, der jeweils Filip oder Malek ist.
Seine eigene Reise hatte Horn mittels eines Reisetagebuchs dokumentiert und kurze
Exzerpte daraus fließen immer wieder in die Erzählung ein. Während er am Buch schrieb,
standen ihm auch die Tagebücher seiner Reisegefährten zur Verfügung — ebenso wie deren
Foto- und Videomaterial von der Fahrt. Während der Reise selbst hielt er mittels eines Blogs
seine Familie und Freunde auf dem Laufenden, was er im Buch als motivierend, durchaus aber
auch als stressig in Erinnerung hat — etwa als er aus Zeitgründen in einem serbischen Internet-
café schnell einen Text hochlud, mit dem er eigentlich gar nicht zufrieden war.
Nun aber zu den zahlreichen Fotos, die in diesem schön gestalteten Hardcover-Buch eine
wesentliche Rolle spielen. Während das bereits erwähnte Coverfoto den visuellen Codes von
Abenteuerreisen entspricht — ein einzelner Radfahrer in einer unwirtlich scheinenden, aber
doch auch anziehenden Landschaft (dem Impressum zufolge in der Osttürkei) — geben viele
der Fotos im Buchinneren durchaus ein weniger romantisierendes Bild der Radreise wieder. Die
insgesamt 56 Seiten mit Farbfotos lassen sich grob in folgende Kategorien unterteilen:
2 Da sie auch in Ă–sterreich noch Bedrohungen ausgesetzt sind, wurden die Namen der beiden zu ihrem Schutz
vom Autor geändert, das Pseudonym umfasst jeweils nur einen Vornamen.
>mcs_lab>
Mobile Culture Studies, Band 2/2020
The Journal
- Titel
- >mcs_lab>
- Untertitel
- Mobile Culture Studies
- Band
- 2/2020
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Ort
- Graz
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch, englisch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 270
- Kategorien
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal