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98 Mobile Culture Studies. The Journal 3 2o17
Nora Scholtz, Anke StrĂŒver | Zum Auf-SpĂŒren und Er-Leben von AtmosphĂ€ren durch Obdachlose
Zum Auf-SpĂŒren und Er-Leben von AtmosphĂ€ren durch Obdachlose auf der
Hamburger Reeperbahn
âDaĂ dies die StraĂe der tollsten GegensĂ€tze ist, daĂ hier das bĂŒrgerliche Restaurant neben
der Kaschemme, das elegante Nachtlokal neben dem vulgĂ€ren Hippodrom steht â das ist
nichts Neues und doch immer wieder erregend im Wechsel der AtmosphÀre, an dem Aus-
gleich aller sozialen GegensĂ€tze.â (Marcus 1929, 6)
Einleitung
Auch knapp neunzig Jahre nach dieser Feststellung ist die Reeperbahn in Hamburg-St. Pauli
weiterhin eine StraĂe der sozialen, kulturellen und rĂ€umlichen GegensĂ€tze, auf der unter-
schiedlichste Menschen unablĂ€ssig aufeinander treffen, sich aneinander vorbei schieben â und
auf der im Zusammenwirken von rÀumlichen Artefakten, Menschen und Praktiken wech-
selnde AtmosphĂ€ren entstehen und spĂŒrbar sind. In diesem Beitrag beschĂ€ftigen wir uns mit
dem Auf-SpĂŒren und Er-Leben von AtmosphĂ€ren auf der Mikroebene, der Wahrnehmung der
Touristenâ und Partymeile Reeperbahn in HamburgâSt. Pauli. Anders als im obigen Zitat ange-
deutet tun wir dies allerdings nicht aus Sicht der Besucher*innen, sondern aus der Perspektive
von Obdachâ und Wohnungslosen. Aufbauend auf mobilen Interviews (narrative Goâalong-
bzw. WalkingâInterviews) mit Obdachlosen innerhalb St. Paulis rĂŒcken wir das emotionale und
affektive Erleben von einzelnen Raumausschnitten in den Mittelpunkt. Durch die Bewegun-
gen im Raum wÀhrend der Interviews können die erlebten bzw. entstehenden AtmosphÀren
vor Ort adressiert und reflektiert werden. Zugleich handelt es sich bei den Interviewten um
Menschen, deren Alltagsleben grundsÀtzlich durch dauerhafte lokale MobilitÀt gekennzeichnet
ist und deren PrÀsenz und MobilitÀt im öffentlichen Raum die atmosphÀrische Situation eines
Ortes durchdringt â die aber in der dominanten gesellschaftlichen und wissenschaftlichen
Konzentration auf Tourist*innen, Polizei, Gewerbe und/oder Anwohner*innen der Reeper-
bahn in der Regel unsichtbar bleibt.
Im nĂ€chsten Abschnitt stellen wir zunĂ€chst kurz den âOrt Reeperbahnâ sowie unseren
Fokus auf Wohnungs- und Obdachlose vor. Zur theoretischen wie methodischen Einbettung
der empirischen Untersuchung des Hauptteils (Abschnitt 5) reflektieren wir dem vorangehend
grundsĂ€tzliche Ăberlegungen zum Erleben und Erforschen von AtmosphĂ€ren und binden diese
abschlieĂend im Hinblick auf den Zusammenhang von MobilitĂ€t und AtmosphĂ€ren, aber auch
auf die mobilen Interviews als Teil der Untersuchung von AtmosphĂ€ren zurĂŒck.
Obdachlosigkeit und die Reeperbahn in St. Pauli
St. Pauli, der Stadtteil, den die Reeperbahn als vierspurige StraĂenachse von Ost nach West
durchzieht und dabei in Nord und SĂŒd trennt, ist primĂ€r Wohnstandort und galt bis weit in die
1990er Jahre als soziokulturell besonders heterogenes und sozioökonomisch stark benachteiligtes
Viertel, in dem Prostitution, BandenkriminalitÀt und Gewalt seit Jahrzehnten verankert waren
(exempl. Dombrowski 2004). Kennzeichnend fĂŒr den Stadtteil sind allerdings auch â traditio-
nell wie aktuell â groĂe spontane Hilfsbereitschaft, ein Ă€uĂerst heterogenes Nebeneinander im
Mobile Culture Studies
The Journal, Band 3/2017
- Titel
- Mobile Culture Studies
- Untertitel
- The Journal
- Band
- 3/2017
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Ort
- Graz
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch, englisch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 198
- Kategorien
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal