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Mobile Culture Studies. The Journal 3 2o17
Nora Scholtz, Anke Strüver | Zum Auf-Spüren und Er-Leben von Atmosphären durch Obdachlose 105
grüne Linien oder Kreise für „gute Orte“, in rot sind die „schlechten Menschen und Orte“
festgehalten. Bei jeder Verortung wurde erfragt, wodurch sie sich begründet, ob sie temporär
oder ständig Bestand hat, wie es sich vor Ort für die Interviewten anfühlt und wie sie darauf
reagieren.
Dabei fiel auf, dass sämtliche genannten räumlichen Präferenzen symbolischen oder
soziale
n Charakter haben, der sich auf die dort anzutreffenden Menschen bzw. ihrer Abwe-
senheit bezieht. Somit kann festgehalten werden, dass keinerlei Hinweise auf die Relevanz
atmosphärenbedingender permanent anwesender Artefakte wie Architektur, Beleuchtung oder
Begrünung gefunden wurden, sondern nur Menschen, Praktiken und Symbole die Teilneh-
menden in einem ausreichenden Maße affizieren, als dass es ihnen erwähnenswert schien.
Diese Präferenzen beziehen sich bspw. auf Erfahrungen mit dem Personal und den
Inhaber*innen der jeweiligen Geschäfte an diesem Ort. Manche von ihnen pflegen ein freund-
schaftliches Verhältnis mit einzelnen Angehörigen der Obdachlosenszene, das sich beispiels-
weise in regelmäßigen Tierfutterspenden, Rabatten oder der Einräumung kleiner Sonderrechte
äußert, wie der widerrechtlichen Herausgabe von Glasflaschen am Wochenende oder der Toi-
lettenbenutzung. Diese positiven Zuschreibungen waren nur in seltenen Fällen intersubjektiv
und scheinen daher durch den persönlichen Charakter der einzelnen Obdachlosen bedingt zu
sein. Prinzipiell gilt zwischen Gewerbetreibenden und Interviewten die inoffizielle Regel, die
besagt, dass die Obdachlosen sich nicht während der Öffnungszeiten eines Geschäftes direkt
davor niederlassen dürfen, sondern sich auf die der Straße zugewandten Seite des Bürgersteigs
setzen müssen. Nachts dürfen sie im Schutz der Ladenzeile schlafen, wenn sie ihren Platz sauber
halten und dreißig Minuten vor Ladenöffnung verlassen haben. Nach Geschäftsschluss statten
die Obdachlosen diese Orte mit ihrem Gepäck, Schlafmatten und Dekorationsartikeln aus.
Durch die Praxis des sich Einrichtens und durch die Anordnung persönlicher Gegenstände
entsteht eine heimelige Atmosphäre für die Dauer der Nacht, die die Interviewten insofern
affiziert, als dass sie sich wohl fühlen und ruhen können.
Einige Inhaber*innen möchten dies aber generell nicht zulassen, weshalb es zu Konflikten
kommt. So erzählt Makke, ein 38-Jähriger Punk, der seit 25 Jahren auf der Straße lebt, von
folgender Schikanierung: Im vorigen Sommer begannen die Inhaber*innen einiger Geschäfte,
vor denen sich seine Gruppe aufgehalten hat, unangekündigt Wassereimer auszuleeren, um
angeblich den Bürgersteig zu reinigen. Die Durchnässung war dabei zum einen im wahrsten
Sinne des Wortes am eigenen Leib spürbar. Zudem müssen in so einer Situation die Lager
schnell geräumt werden, da es sehr schwer ist, Decken und Rucksäcke zu trocknen. Seiner
Meinung nach geschah dies nur, um die Obdachlosen dauerhaft von diesem Ort zu vertreiben.
Zum anderen entstand durch dieses Vorgehen eine feindliche Atmosphäre, die von genannten
temporär auftretenden Vertreibungspraktiken abhängig ist. Die Interviewten empfinden sie
allerdings nicht als einschüchternd genug, um sich dauerhaft von ihr abschrecken zu lassen.
Sie kehren zurück, sobald die Gehwege getrocknet sind. Hier beeinflusst die Atmosphäre also
konkret die Mobilität der Obdachlosen, die ihr Lager vor Durchnässung schützen und den Ort
verlassen.
Bei der Auswertung der Sketch maps fiel auf, dass zwei Teilnehmer*innen ganze Straßen-
züge als gut oder schlecht charakterisiert haben, während die anderen emotionale Bewertungen
nur punktuell vergeben haben: Diese pauschalen Bewertungen fallen vor allem auf bei Stoney,
Mobile Culture Studies
The Journal, Band 3/2017
- Titel
- Mobile Culture Studies
- Untertitel
- The Journal
- Band
- 3/2017
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Ort
- Graz
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch, englisch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 198
- Kategorien
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal