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Mobile Culture Studies The Journal
Mobile Culture Studies - The Journal, Band 3/2017
Seite - 108 -
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108 Mobile Culture Studies. The Journal 3 2o17 Nora Scholtz, Anke Strüver | Zum Auf-Spüren und Er-Leben von Atmosphären durch Obdachlose (ebd.: 106) vereinbar ist. Schmerzen oder Müdigkeit sind nur einige der regelmäßigen leiblichen Regungen, die die Interviewten empfinden und die nicht mit der festlichen, eleganten Atmo- sphäre dieses Bereichs vereinbar sind, der deshalb einfach gemieden wird. In Bezug auf Linde- mann (2011) kann außerdem festgehalten werden, dass das Wissen über den eigenen (obdachlo- sen) Körper das leibliche Erleben und Spüren der Mitwelt beeinflusst. Sie empfinden sich selbst in diesem Gebiet als fehl am Platz, als nicht-zugehörig, weshalb sie die dortigen Atmosphären eher als Außenstehende betrachten und nicht in sie eintauchen (wollen oder können). Auf dem östlichen Teil der südlichen Straßenseite halten sich viele Sexarbeiter*innen und Zuhälter auf, deren Stammplätze die Teilnehmenden meiden. Sexuelles Verlangen ist an sich nicht als leibliche Regung mit großer Reichweite zu betrachten. In den Gebieten entlang der Reeperbahn, in denen sich dutzende Prostituierte aufhalten und um Kunden werben, kann diese Reichweite allerdings als quantitativ wie qualitativ massiv gesteigert betrachtet werden. Nichtinteressierte Passant*innen eilen meist an diesen Orten vorbei und halten Abstand, um dem aggressiven Werben zu entgehen. Wer stehenbleibt, um sich zu orientieren oder zu warten, tut dies mit einigen Metern Abstand. Die Szenerie wirkt bizarr und zuweilen trostlos, viele Passant*innen möchten sich bewusst nicht von dieser für sie unangenehmen Atmosphäre ver- einnahmen lassen und wenden sich ab, eilen weiter oder meiden diese Orte völlig, wie es auch die Interviewten tun. In den Interviews wie in den Sketch maps wurden diese Bereiche teils sogar als Grenze des eigenen Aktions- und Wahrnehmungsraumes benannt. Daher kann die nördliche Straßenseite als primärer Aktionsraum der Obdachlosen gelten, wie auch an der Überzahl von emotionalen Bewertungen auf dieser Seite erkennbar ist, die in den kognitiven Karten festgehalten wurden. So lässt sich beispielsweise deutlich in der Karte von Hermes erkennen, dass er auf der südlichen Straßenseite auf Höhe des Spielbudenplatzes (siehe Abb. 3; hier im oberen Teil der Abbildung) gar keine emotionalen Verortungen macht, während sein täglicher Aktionsbereich voller Markierungen ist. Dieser Unterschied in der Häu- figkeit der Bewertungen je nach Straßenseite zeigt sich in allen Sketch maps. Ebenfalls auffällig ist, dass mit einer Ausnahme alle kognitiven Karten auf dem Kopf stehen: Die nördliche Stra- ßenseite wurde stets im unteren, „südlichen“ Teil verortet. Hierbei handelt es sich um einen Hinweis auf das leibliche Erleben der Interviewten. Da sie ihre Wirklichkeit im Tun erfahren, also z.B. indem sie von ´ihrer` Straßenseite aus die Straße überblicken, interpretieren sie diese als den unteren Rand ihrer kognitiven Karte. Solange ihre Füße im Norden stehen, steht ihre Karte auf dem Kopf. Stoney, der an wechselnden Orten im öffentlichen Raum von St. Pauli und Hamburg- Mitte zeltet, möchte sich an einigen Stellen der Reeperbahn nicht aufhalten, da ihm die Men- schen, die er dort antrifft, zu „asozial“ sind. Das betrifft vor allem das Gebiet um die Knei- pen Elbschlosskeller und Goldener Handschuh bzw. das typische Publikum dieser Kneipen (Schwerstalkoholiker*innen bzw. Konsumierende von Partydrogen) sowie die Menschen, die in diesem Gebiet auf der Straße schlafen (hauptsächlich Junkies). Durch deren hygienische Verwahrlosung und Drogenkonsum entsteht eine unwohlige Atmosphäre, die bei ihm ein betretenes Gefühl auslöst. Den Bereich der „Großen Freiheit“ samt Beatles-Platz meidet er, da ihm dort die Tourist*innen und die Türsteher zu aggressiv erscheinen. Hier halten sich meist Gruppen betrunkener Männer auf, häufig gibt es Provokationen und Schlägereien. Burger und Ganja halten beide Straßenabschnitte aus den gleichen Gründen für schlecht. Die drei Män-
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Mobile Culture Studies The Journal, Band 3/2017
Titel
Mobile Culture Studies
Untertitel
The Journal
Band
3/2017
Herausgeber
Karl Franzens University Graz
Ort
Graz
Datum
2017
Sprache
deutsch, englisch
Lizenz
CC BY 4.0
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
198
Kategorien
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