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112 Mobile Culture Studies. The Journal 3 2o17
Nora Scholtz, Anke Strüver | Zum Auf-Spüren und Er-Leben von Atmosphären durch Obdachlose
Zugriff haben, ist die Schaffung von Privatheit inmitten der Ă–ffentlichkeit notwendig. Sie wird
benötigt zur mentalen Entlastung und Entspannung. Auf den ersten Blick scheint dies inmitten
des turbulenten Publikumsverkehrs auf der Reeperbahn unmöglich zu sein. Makke erzählt, wie
er durch eine simple Handlung dennoch für sich selbst eine Privatsphäre schaffen kann:
„Das ist in dem Moment, wenn ich einfach mal n´e halbe Stunde mit dem Rücken zu den
Leuten sitze, das ist wie, als wäre ich mal kurz vom Arbeitsplatz ins Wohnzimmer. Ich hab´
gerade Mittagspause oder so. Ich klinke mich dann voll aus, krieg dann auch die ganzen
Leute auf der Straße, die Stimmen, die Geräuschkulisse nicht mit, das ist dann erstmal weg.“
Er sagt explizit, dass er sich in diesen Momenten freier und privater fühlen kann. Die Tätigkei-
ten, die er dann ausführt, sind beispielsweise Wundversorgung, Körperpflege oder das Wech-
seln der Kleidung: „Was andere in der Wohnung machen, mach ich eben in dem Moment
da. Dass die Leute mich dabei beobachten, das… da stumpft man irgendwann ab. Das blen-
det man irgendwann einfach aus.“ Er ist also durch die Praktik des bewussten „den Rücken
Zukehrens“ in der Lage, sich mental so sehr von seiner Umwelt bzw. den ihn umgebenden
Menschen zu entfernen, dass der ihn unmittelbar umgebende öffentliche Raum völlig von der
ruhigen und beruhigenden Atmosphäre seines privaten Rückzugsorts durchzogen ist. Durch
die Abwendung von den Menschen reduziert sich seine erfahrene Wirklichkeit auf seinen Leib.
Eine weitere Praktik, mit der Atmosphären durch die Beteiligten erlebt und beeinflusst
werden, ist die des „schlechten Benehmens“ durch plakativ sichtbaren Alkoholkonsum, laute
Musik, latent aggressive Äußerungen und ähnlichem szenetypischen Verhalten. So erzählt
Baal, ein siebzehnjähriger Punk, dass seine Gruppe davon ausgeht, dass Passant*innen sich
schon durch ihr optisches Erscheinungsbild vor ihnen fürchten. Zusätzlich dazu benehmen sie
sich manchmal absichtlich unangenehm, um sich diejenigen fernzuhalten, mit denen sie nichts
zu tun haben wollen:
„[…] also nicht, weil sie [die Passant*innen] körperlich irgendwas befürchten, sondern weil
wir manchmal einfach wirklich stressig sind. So von wegen zulabern, um dich herum-
tanzen, Leute belästigen. Ich mach das auch absichtlich. Leute belästigen ist schon Zeitver-
treib, ein bisschen. Weil es gibt echt viele Leute, die scheiĂźe sind, da ist es schon okay, sie
zu belästigen.“
Diese Praktik dient gleich mehreren Motiven: Dem Zeitvertreib bei Langeweile, der Herabset-
zung von als negativ empfundenen Menschen sowie dem auf Distanz-Halten von Passant*innen.
Durch die bewusste Zurschaustellung von gesellschaftlich abgelehntem Verhalten wird ein Ort
im öffentlichen Raum zur informellen Halböffentlichkeit umgestaltet; Baals Einschätzung
nach wirkt die entstandene Atmosphäre auf unbeteiligte Passanten abschreckend, unangenehm
und vielleicht sogar furchteinflößend, weshalb sie eine größere räumliche Distanz wahren. Hier
wird also die Mobilität Dritter beeinflusst, indem sie einen „Bogen um die Gruppe machen“.
Ausblick
Unsere Auseinandersetzung mit der atmosphärischen Gliederung entlang der Hamburger Ree-
perbahn hat sich auf der Mikroebene mit dem Auf-Spüren und Er-Leben von Atmosphären
Mobile Culture Studies
The Journal, Band 3/2017
- Titel
- Mobile Culture Studies
- Untertitel
- The Journal
- Band
- 3/2017
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Ort
- Graz
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch, englisch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 198
- Kategorien
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal