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Mobile Culture Studies. The Journal 3 2o17
Nora Scholtz, Anke StrĂŒver | Zum Auf-SpĂŒren und Er-Leben von AtmosphĂ€ren durch Obdachlose 113
beschĂ€ftigt. âAuf-SpĂŒrenâ bezieht sich dabei sowohl auf das mobile Forschungsinstrument der
explorativen Go-along-Interviews als auch auf die leibliche Dimension des Erlebens. âEr-Lebenâ
verweist darĂŒber hinaus zum einen auf die Wahrnehmungen von sozialen wie rĂ€umlichen
AtmosphĂ€ren bzw. auf den eingangs zitierten âerregenden Wechsel von AtmosphĂ€renâ, auf ihre
Inkorporierung oder auch Vermeidung durch unterschiedlichste Menschen, die auf der StraĂe
aufeinander treffen. Zum anderen umschreiben wir damit die Beeinflussung von AtmosphÀ-
ren, im Falle der hier erfolgten Forschung durch Obdachlose, die aufgrund ihrer lokalen Mobi-
litÀt rÀumlich wie auch zeitlich besonders dynamisch sein können. In unserer Rekonstruktion
des subjektiven Sinns der Obdachlosen bzw. der emotionalen Dimensionen des Raumerlebens
(affiziert-werden, inklusive sozialrÀumlicher Machtstrukturen) wie auch des praktischen Tuns
der Raumaneignung (affizieren) wurde der Fokus auf die AtmosphÀren durch die mobilen
Interviews stark begĂŒnstigt oder ĂŒberhaupt erst ermöglicht: durch das gemeinsame (Auf-) SpĂŒ-
ren von lokalen AtmosphÀren im Erhebungsprozess, d.h. durch die Bewegungen im Raum.
Dieses (Auf-)SpĂŒren wiederum konnte durch die bzw. auf den kognitiven Karten konkreter
lokalisiert, aber auch stÀrker emotionalisiert werden.
Der lebensweltliche soziale Alltag sowie die Wahrnehmungen des Ortes âReeperbahnâ
durch die beteiligten Obdachlosen basieren auf wechselnden AtmosphÀren, die durch unter-
schiedlichste Beteiligte und Praktiken sowie ihre Relationen zu symbolischen Artefakten ent-
stehen. Dazu gehören praktisch wie symbolisch wirkmĂ€chtige Institutionen (âdie Polizeiâ, âdie
Polizeiwacheâ), aber auch flĂŒchtige Interaktionen, z.B. mit vorbeiziehenden Passant*innen. Der
Alltag innerhalb dieses SozialgefĂŒges verlangt allerdings nach flexiblen wie mobilen BewĂ€l
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tigungsstrategien, mit denen auf AtmosphÀren reagiert werden kann. Diese Strategien bestehen
aus MobilitÀt, sowohl in Form der Neuplatzierung beweglicher GegenstÀnde (wie Decken und
RucksÀcken), der temporÀren (oder vollstÀndigen) Meidung eines Ortes durch die Teilnehmen-
den, als auch der Entwicklung von Praktiken, die die MobilitÀt von Passant*innen beeinflusst.
Zitierte Literatur
Best, Ulrich, and Anke StrĂŒver. 2005. âStadtviertel in Bewegung: Diskurs und Alltagsmacht in
Hamburg- St. Pauli und Berlin-Kreuzbergâ, Berichte zur deutschen Landeskunde, 79(4), 457-
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method for studying the implications of place for health and well-beingâ, Health & Place,
15(1), 263-272
Mobile Culture Studies
The Journal, Band 3/2017
- Titel
- Mobile Culture Studies
- Untertitel
- The Journal
- Band
- 3/2017
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Ort
- Graz
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch, englisch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 198
- Kategorien
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal