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Mobile Culture Studies. The Journal 4 2o18
Stefanie Bürkle | Identität durch Architektur 141
sozialen Raums wird damit weder beschrieben noch analysiert – für die visuelle Feldforschung
als Wissenserzeugung ist dies jedoch notwendige Voraussetzung, denn »Kunst ist selten allein
der Repräsentation eines einzigen und einmaligen Sachverhalts verpflichtet« (Kravagna 2010).
Für unsere Untersuchung setzen die interdisziplinären Teams deshalb die wissenschaftli-
chen und künstlerischen Ansätze innerhalb ihrer Domänen konsequent ein, um sich gegenseitig
zu ergänzen und zu verstärken, statt nur zu behaupten, dass Kunst bestehende Konventionen
in der wissenschaftlichen Domäne aufbrechen könne. Beide Domänen werden als Systeme
begriffen, die der Wissenserzeugung dienen, und die auf dem Forschungsgebiet der Migration
von Räumen den raumsoziologischen Kontext um bildnerisch-künstlerische Ansätze erweit-
ern. Im Rahmen dieser sowohl künstlerischen als auch raumsoziologischen Ansätze werden die
subjektiven Wahrnehmungen möglichst dicht beschrieben, um Raumeigenschaften genauer
zu bestimmen und Typologien zu entwickeln, davon ausgehend, dass räumliche Strukturen
im und durch Handeln verwirklicht werden, andererseits aber auch das Handeln strukturieren
(Löw 2008, 63).
Der Vergleich der heutigen ortsüblichen Architektur und traditionell türkischen Bauweisen
(Küçükerman 1996) einerseits und der davon abweichenden, auffallend anderen Erscheinungs-
formen in Architektur und Garten andererseits erfordert eine eigene Lesart des Raumkontextes,
einen künstlerischen Blick, der in der bildnerischen Form des Bauens gesellschaftliche Real-
itäten und individuelle Geschichten zu lesen vermag. Dabei werden sowohl Beobachtungen
als auch räumliche Narrationen und mental maps beziehungsweise eine spezifische Form der
Raumdarstellung durch unterstützende Skizzen und Grafiken einbezogen (Dangschat 2014,
976f.). Foto- und Videografie als die Instrumente der visuellen Feldforschung werden als kün-
stlerische Medien verwandt, um die Raumvorstellungen in der Türkei subjektiv wiederzuge-
ben, dienen aber auch als Methode zur Untersuchung der Raumbildung von Remigranten
im Innenraum und Außenraum. Dafür wurden zum einen die Interviewsituationen und zum
anderen die gebauten Räume der Remigranten im Innenraum und im städtebaulichen Umfeld
von Garten, Zufahrt und Nachbarschaft mit Video dokumentiert. Bewusst entschieden wir
uns für ein ästhetisches Konzept – die subjektive Kamera –, die den Blick des anwesenden
Forschenden repräsentiert und so eine Verbindung zwischen Videoanalyse und Ethnografie
darstellt (Knoblauch 2005). Die Kamera dient nicht nur der Dokumentation des Interviewpart-
ners, sondern kreist um ihn und erfasst so die Objekte, Einrichtungsgegenstände und baulichen
Elemente im Raum (Tuma et al. 2013, 39). Die Kamera dokumentiert aber auch das städtebau-
liche Umfeld, so bei solitären Einzelhäusern Zugang und Nachbarschaft, bei Ansiedlungen mit
mehreren Häusern den stadträumliche Kontext aus größerer Entfernung.
Toplogische Matrix
Um eine systematisierte Datenerfassung und eine vergleichende Übersicht über ausgewähltes
Bildmaterial, Aussagen und Textinformationen zu ermöglichen, wurde eine mehrdimensio-
nale, topologische Matrix entwickelt, die geeignet ist, verschiedene Quellen in relativer Veror-
tung zu räumlichen Lagebeziehungen von Themenkomplexen zusammenzufügen. Sie bietet
als Informationsarchitektur und Darstellungsform räumlicher Daten die Grundlage für eine
integrative, wissenschaftliche und künstlerische Aufarbeitung der im Vorfeld ausgewerteten
Daten und Ergebnisse. Innerhalb des Forschungsprojektes stellt die topologische Matrix die
Mobile Culture Studies
The Journal, Band 4/2018
- Titel
- Mobile Culture Studies
- Untertitel
- The Journal
- Band
- 4/2018
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Ort
- Graz
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch, englisch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 182
- Kategorien
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal