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Mobile Culture Studies The Journal
Mobile Culture Studies - The Journal, Band 4/2018
Seite - 155 -
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Mobile Culture Studies. The Journal 4 2o18 Janine Schemmer | Grenzraum in Bewegung 155 »Rechts der Brücke leben die Friulaner, links davon die Slowenen. Das Friaul ist flach, hier ist es bergig. Dort unten lebt man auf eine bestimmte Weise, hier auf eine andere. Das Den- ken der Friulaner folgt der Logik des flachen Landes, wir denken ganz anders.« Er schreibt diese Grenze bis heute fest und macht den Charakter der Menschen zum einen an der Region, aus der sie kommen, fest, zum anderen führt er anschließend die unterschiedli- chen Machthaber aus, die über die Jahrzehnte über die Dörfer herrschten und mit ihrer Politik auch die kulturellen Lebensweisen beeinflussten (vgl. Banchig 2013). In seinen Schilderungen verweist er immer wieder auf die Ressentiments, die die slowenische Minderheit seit 1918, als die Dörfer Italien zugesprochen wurden, von Seiten der italienischen Bevölkerung in den nächstge- legenen (Klein)Städten erfuhr, die keine zehn Kilometer entfernt liegen. Neben den globalen Konflikten waren die Bewohner der Dörfer im Alltag auch mit natio- nalstaatlichen Ideologien konfrontiert, die zu regionalen Spannungen zwischen der italienisch- und slowenischsprachigen Bevölkerung führten. Schon im 19. Jahrhundert ergriff die Politik im Kontext der Nationenbildung Maßnahmen, um den slowenischen Dialekt zu unterbinden, den die slowenische Minderheit im Grenzraum sprach. Während der faschistischen Diktatur spitz- ten sich diese Maßnahmen zu, und prägten die Erfahrungen der Anwohner auch während des Kalten Krieges nachhaltig (vgl. Cozzi 2009). Allerdings wird der Dialekt bis heute von Anwoh- nern und Emigranten gesprochen, und steht symbolisch für ihren Eigensinn (Lindenberger 2014). Diese konfliktbehaftete Erfahrung wird vor allem von Angehörigen älterer Generatio- nen wie Fabio, die geblieben sind oder nach vielen Jahren im Ausland wieder zurückkehrten, immer wieder thematisiert. In Anlehnung an Wolf-Dietrich Bukow lässt sich dabei von einer Ethnisierung der Biographien sprechen, wie sie in vielen Migrationsbiografien anzutreffen ist (vgl. Apitzsch 1999). Die Sprache bleibt bis heute ein bedeutendes Instrument zur Identifikation und Positio- nierung. So waren viele Emigranten aus den Dörfern durch den Dialekt gewissermaßen schon als Außenseiter stigmatisiert, bevor sie ihre Herkunftsdörfer verließen. Durch das erzählerische Verweben individueller Erfahrungen mit den sprachlichen und kulturellen Traditionen einer sozialen Gruppe konstruieren sich so die vorherrschenden Selbst- und Fremdbilder (vgl. Braun 2006). Bezüglich der Außenwahrnehmung fügt auch Donatella Rutar, die an späterer Stelle ausführlich vorgestellt wird, hinzu, man sei als Außenstehender auch viele Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nicht in die Täler des Natisone gegangen, und habe von den Anwoh- nern keine gute Meinung gehabt. Vielmehr herrschten negative Einstellungen und Meinungen gegenüber den Bewohnern in den entlegenen Dörfern vor. So ziehen viele auch Außenstehende bis heute eine ethnische Grenze, die sie an der Brücke San Quirino verorten. Zum Teil nehmen diese Grenzziehungen auch performative Züge an. Bei einer Veranstaltung von Fabios Kultur- verein zu dörflichen Traditionen anlässlich der Sonnenwende, bei dem ausschließlich italie- nischsprachiges Publikum anwesend war, wurden die Bräuche von einer Person auf Slowenisch erklärt, und dann von einer zweiten für die Gäste ins Italienische übersetzt. Zweitens steht die Brücke symbolisch für die politischen Konflikte, die seit 1915 in der Region ausgetragen wurden und tiefgreifende Spuren hinterlassen haben. Die Brücke ist aus Stein gebaut und mutet aufgrund ihrer Materialität alt an. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Brücke jedoch von Partisanen zerstört, um den Zugang zu blockieren, und nach dem Krieg neu errichtet. Fabio sucht bei Führungen mit seinem Kulturverein mit den Besuchern unter ande-
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Mobile Culture Studies The Journal, Band 4/2018
Titel
Mobile Culture Studies
Untertitel
The Journal
Band
4/2018
Herausgeber
Karl Franzens University Graz
Ort
Graz
Datum
2018
Sprache
deutsch, englisch
Lizenz
CC BY 4.0
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
182
Kategorien
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