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Mobile Culture Studies The Journal
Mobile Culture Studies - The Journal, Band 4/2018
Seite - 156 -
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156 Mobile Culture Studies. The Journal 4 2o18 Janine Schemmer | Grenzraum in Bewegung rem die Schützengräben in der Region aus dem Ersten Weltkrieg auf. Aus seinen Schilderungen wird deutlich, dass nicht nur die beiden Weltkriege eine Zäsur darstellten. Auch die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg beschreibt Fabio als Krieg nach dem Krieg: »Der Krieg ging hier weiter. Das kann man Menschen von außen nur schwer erklären. Aber man durfte hier nicht bauen, nur das Militär.« Der politische Umgang mit dem Kalten Krieg nahm starken Einfluss auf die lokalen Lebensverhältnisse, auf die Praktiken im Alltag und die Identifikationen der Men- schen. Da in den Militärzonen kein Betrieb seine Arbeit aufnehmen konnte und damit kaum Arbeitsplätze vorhanden waren, wanderten immer mehr Menschen aus. Die Dörfer, kommen- tiert Fabio, wurden von politischer Seite regelrecht entleert. Drittens steht die Brücke daher für die Emigration aus der Region. Während Anfang der 1950er Jahre noch ca. 18.000 Menschen in den Dörfern lebten, ging ihre Zahl bis heute auf ca. 6.000 zurück. Zunächst fanden viele als Minenarbeiter in Belgien eine Beschäftigung, woran ein Denkmal vor dem Rathaus der Gemeinde San Pietro erinnert. In vielen Familien ist das Thema der Emigration bis heute präsent. Man erzählt sich bis heute die Geschichte der Koh- lensäcke, die die Familien für jeden Mann, der wegging, erhielten. Andere Emigrationsländer waren die Schweiz, Deutschland, Kanada, Argentinien, Australien und die USA (vgl. Banchig 2013, 344f.). Ein Großteil der von hier emigrierten und noch hier lebenden Menschen machte die »Erfahrung gewaltsamer Entwurzelung« (Schlögel 2003, 453). Die Entvölkerung, die mit den dort ausgetragenen Konflikten einsetzte, lässt sich in den Dörfern, in denen viele Häu- ser einen Großteil des Jahres leer stehen, bis heute nachvollziehen und begreifen. Heute leben unterschiedliche Menschen aus Slowenien und Italien in den Dörfern. Viele alte Netzwerke bleiben bis heute bestehen, wovon unter anderem die jährlich stattfindenden Rückkehrertref- fen zeugen. Auch die internationalen Kennzeichen der Autos, die einem im Sommer ins Auge stechen, verweisen auf die bis heute bestehenden Verbindungen von Emigranten und deren Nachfahren zur Region. So lässt sich dieser italienisch-slowenische Grenzraum als ein weiteres »Erfahrungszentrum europäischer Geschichte« (Eisch-Angus 2006, 253) charakterisieren. Nicht nur im Dorf Topolò, in der gesamten Landschaft kulminieren diese Geschehnisse und Erfahrungen. Bewegung und Mobilität in Grenz-Landschaften — Theoretische Überlegungen Michel de Certeau beschreibt den Raum als »Geflecht von beweglichen Elementen« (1988, 218). Raum und auch Landschaft sind keine gegebenen und in sich abgeschlossenen Größen, son- dern unterliegen einem ständigen Prozess, sie befinden sich in ständiger Bewegung. Gleiches gilt auch für die Wege, Straßen und Routen, die Menschen zurücklegen, und die dadurch zir- kulierenden Kulturen, wie James Clifford zeigt (vgl. Russell 2007, 365). Bewegungen jeglicher Art hinterlassen ihren Abdruck in den Landschaften und den Erzählungen, die über diese zirkulieren. Mobilität aus einer kulturanalytischen Perspektive zu betrachten bedeutet, »Bewegungen von Menschen, ihren Körpern, Gedanken, Handlungen und Dingen zu erforschen.« (Rolsho- ven 2011, 54). Dabei spielen die Voraussetzungen und Konditionen sowie Raum und Zeit, die in den jeweiligen Situationen und Kontexten auf diese Bewegungen Einfluss nehmen oder sie bewirken, eine zentrale Rolle. Bewegung kann in diesem Kontext als Metapher für ver- schiedene Dispositionen und Situationen stehen. Sie kann Aufbruch oder Rückkehr bedeuten,
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Mobile Culture Studies The Journal, Band 4/2018
Titel
Mobile Culture Studies
Untertitel
The Journal
Band
4/2018
Herausgeber
Karl Franzens University Graz
Ort
Graz
Datum
2018
Sprache
deutsch, englisch
Lizenz
CC BY 4.0
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
182
Kategorien
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