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Mobile Culture Studies. The Journal 4 2o18
Janine Schemmer | Grenzraum in Bewegung 159
gerade diese wilde und unbelassene Natur, die hier an vielen Orten noch auffindbar ist, macht
für viele Wanderer den Reiz aus. Das österreichische Universitätskulturzentrum UNIKUM,
ein »Ort angewandter Kulturarbeit, der künstlerische Praxis und kreative Forschung mitein-
ander verbindet«, so die Beschreibung auf der Website, hat unter anderem in Kooperation mit
der Stazione Topolò den »Atlas der besonderen Orte« (Universitätskulturzentrum 2011) her-
ausgegeben. Die Landschaftsporträts und Wanderrouten, die das Autorenteam darin zeichnen,
haben die Gegend bekannt und für Liebhaber entlegener Gegenden erfahrbar gemacht.
Auf die wilde und unbelassene Natur, die sich aufgrund der Entvölkerung die früher durch
Ackerbau bewirtschaftete Landschaft zurückerobert hat, verweist auch Donatella während
unseres Spaziergangs:
»In Topolò leben jetzt 9 Menschen, 9 Menschen! Weißt du, was das bedeutet? Das ist
nichts. Früher waren es 400, zwischen den zwei Kriegen. Und alle hatten viele Tiere. In
dem Dorf war kein Plätzchen mehr frei. Ein ganzes Gebiet ist in diesem Jahrzehnt der
Grenze entvölkert worden. Und in diesem Zeitraum sind so viele Dinge passiert, die alle zur
heutigen Situation geführt haben. Aber nicht nur zum Leerstand, sondern auch zum Ver-
lust der gesamten Kultur dieses Raumes, der mittlerweile vom Wald dominiert wird. Und
ein Raum ist, in dem man eigentlich auch keine Möglichkeiten mehr ergreifen kann. Als
Einzelner vielleicht schon, ich habe mich ja auch dazu entschlossen, Widerstand zu leisten
und zu bleiben. Ich bin mir dessen bewusst.«
Donatella bezieht hier deutlich Position und thematisiert die Randständigkeit der Gegend
und die Schwierigkeiten, die der Alltag in den entlegenen Tälern mit ihrer komplexen Vergan-
genheit impliziert. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen gründete sie mit anderen genau an
diesem Ort die Stazione. Die Auseinandersetzung mit der Landschaft durch den unmittelba-
ren Zugang zu ihr und ihrer Geschichte haben die Initiatoren des Festivals zu einem Ausgangs-
punkt gemacht.
Topolò — Grenzverschiebungen zwischen Peripherie und Zentrum
Der Name des Dorfes Topolò klingt nicht sonderlich italienisch, in ihm sind die Grenzlage,
die historischen Veränderungen und der Umgang mit diesen eingeschrieben. Auch der Eintrag
auf Wikipedia verweist implizit darauf. Dort sind drei verschiedene Namen und Schreibweisen
aufgeführt: Topolovo heißt es auf Slowenisch, Topoluove im lokal gesprochenen slowenischen
Dialekt. Für die Straßenbeschilderung einigte man sich auf den Kompromiss Topolove, der
neben der italienischen Bezeichnung abgedruckt ist. Die Wikipedia-Seite ist auf Italienisch und
(mit sehr knappen Ausführungen) auf Holländisch verfügbar, was auf die enge Verbindung zu
den holländischen Künstlern, die seit Jahren am Festival teilnehmen, verweist.
Am Fuße des Dorfes befindet sich ein Parkplatz. Dort werden motorisierte Fahrzeuge abge-
stellt, ab hier geht es nur noch zu Fuß weiter. Es geht hinein ins Dorf und bergauf, denn es
liegt am Hang des Berges Kolovrat, auf dem die Grenze zu Slowenien verläuft. Topolò ist in
gewisser Weise ein typisches Dorf der Täler: verwinkelte Wege führen zwischen alten Stein-
häusern mit Holzbalkonen hindurch. Enge Gassen schlängeln sich zwischen den Häusern in
Richtung des Dorfplatzes und der Kirche hindurch, die sich am höchsten Punkt befindet.
Mobile Culture Studies
The Journal, Band 4/2018
- Titel
- Mobile Culture Studies
- Untertitel
- The Journal
- Band
- 4/2018
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Ort
- Graz
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch, englisch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 182
- Kategorien
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal