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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
Das Johannes-Evangelium führt die Erzählung Jesu schrittweise zu einer
Öffnung, welche am Ende den Text selbst sprengt. Die Erzählungen von den
BegegnungenmitdemauferstandenenJesusmündenineineZusammenfassung,
diegleichzeitigauchAusweitung ist:
„VielenunauchandereZeichentat Jesusvor[seinen]Schülern,dienichtgeschrieben
sind in diesem Buch. Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, daß Jesus der
Christos ist, der Sohn Gottes, und damit ihr als Glaubende Leben habt in seinem
Namen.“ (Joh20,30f.)
Die Schlusswendung bringt zumAusdruck, dass der Text, den sie beschließt,
nicht alles enthält. ExemplarischerzähltdasEvangeliumeinigeZeichen,unbe-
stimmbar ist jedoch derenüber es hinausgehendeVielfalt. Dies ist besonders
deshalb von Bedeutung, weil das Johannes-Evangelium nicht eine biblische
Schrift unter anderen ist, sondernbereits die Bildung einerOrdnung vorweg-
nimmt.11 Diese Ordnung, die sich später zum biblischen Kanon stabilisiert,
verweist auf ihr Außen, auf das, was sie nicht enthält. Dies ist von höchster
Wichtigkeit:Dernormative,heiligeTexteinerReligionüberschreitetsichselbst
auf seinAußen,d.h., eröffnet sichaufdasandere,dasernichtumgreift.
Mit der zusammenfassend-ausweitenden Schlusspassage hat der geschrie-
bene Text sein Ende noch nicht erreicht, denn ihr folgt noch ein Epilog, der
weitereErzählungenvomAuferstandenenenthält.ZwaristderTextbereitsanein
offenes Ende gelangt und hat ausgesprochen, dass das Evangelium nicht alle
Zeichenenthält; derVorgangdesErzählensdrängt jedochweiter, lässt sichvon
der ersten Schlussbemerkungnicht begrenzen: Erzähltwerdennunnoch zwei
Geschichten überbordender Fülle, nämlich ein überreicher Fischfang (Joh
21,1–14) und die an Petrus gerichtete Frage nach der Liebe zu Jesus (Joh
21,15–23), sowiedasBekenntnisdes Jüngers, den Jesus liebte zurWahrheit des
umeineFragederDeutung,welchesichinbeidenreligiösenTraditionen(injeeigenerWeise)
stellt–undvermutlichauch inanderenreligiösenTraditionen.
11 Nichtnurstellt es eineNeukonfigurationderErzählungdesLebens Jesudar,wie sie inden
anderen Evangelien geschildert ist, sondern bezieht sich, wie Kurt Appel deutlichmacht,
auch auf den Hebräischen Kanon, den TeNaCh, indem es auf dessen Beginn und Ende
anspielt: Die Meditation über die Fleischwerdung des göttlichen ljgos am Beginn des
Evangeliums(Joh1)nimmtBezugaufdasgöttlicheWort inGenesis1,wohingegensicham
EndeBezügeaufdasEndedesTeNaChfinden:WiedieChronikbüchermitderAnkündigung
desAufstiegsnachJerusalemenden(2Chr36,23),sofindetsichauchamEndedesJohannes-
Evangeliums zweimal einHinweis auf denAufstieg (derAufstieg Jesu zumVater, vgl. Joh
20,17,undderAufstiegdesPetrusausdemBootansLand,vgl.Joh21,11).IndenWortenvon
KurtAppel:„DasEvangeliumdesJohannesbeginnteinenProzessderRelektüredesTeNaCh,
aberauchdersynoptischenEvangelien,einerRelektüre,dieaufdenAnfangunddasEndeder
Schrift verweist.“ (KurtAppel,TempeeDio.Aperture contemporanee apartiredaHegel e
Schelling,Bibliotecaditeologiacontemporanea187,Brescia2018,S. 184[ÜbersetzungJ.D.],
vgl. auchS.208).
JakobHelmutDeibl164
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Titel
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Untertitel
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Autoren
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Herausgeber
- Peter G. Kirchschläger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 722
- Kategorie
- Recht und Politik