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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
KonstantinosDelikostantis (Athen)
Wiesozial istdieOrthodoxeKirche?
Die Zentralität des Kultes und der Liturgie, sowie die starke eschatologische
AusrichtungdesganzenkirchlichenLebensinderOrthodoxenKirchewarenim
Westenoft derAnsatzpunktderKritik gegendieOrthodoxie alsOrtdeskulti-
schen Monismus und eines quietistischen Eschatologismus. Das Orthodoxe
Christentumwurde als Fossil aus vergangenenZeiten angesehen,mit sterilem
Traditionalismus gleichgesetzt und als ein dem westlichen Geist im Prinzip
fremdesPhänomenbetrachtet. Selbst großeGestaltendesWestens habenkein
Verständnis für das östliche Paradigma der Christenheit aufbringen können.
Hegel sah in Byzanz, von dem die Orthodoxie heute nach schöpft, nur „ein
morsches Gebäude“, das „endlich von den kräftigen Türken zertrümmert
wurde“.1MaxSchelernanntedieorthodoxeSpiritualität „eine ihremUrsprung
und Sinn nach so weltflüchtige, so passiv-kontemplative, so ästhetische, aus
hellenistischerDekadenzgeborene, feineundsubtileherbstlicheReligiosität“.2
AdolfHarnackcharakterisierteseinerseitsdasöstlicheKirchentum,„mitseinen
PriesternundseinemKultus,mitallendenGefäßen,Kleidern,Heiligen,Bildern
undAmuletten,mit seiner Fastenordnungund seinen Festen“ als „etwas dem
EvangeliumFremdes“, ja sogarals „jeneArtvonReligion,umderenAuflösung
willensich JesusChristusansKreuzschlagen ließ“.3
Heute noch, selbst im Rahmen der Ökumenischen Bewegung, zu deren
GründerndieOrthodoxeKirchegehört,kursiertdieAnsicht,dassdieseKirche
der endlosen Zeremonien, der weltabgeschiedenenKlöster und der zahllosen
Frömmigkeitsbräuche, eine „ultraliturgische Kirche“ geblieben ist, die den
EinsatzfürdieWeltalsnebensächlichbetrachtet.DasseinesolcheEinschätzung
derOrthodoxiedenTatsachennicht gerechtwird,dass sie grundlegendePrin-
zipienderorthodoxenSozialethikunddas immensephilanthropischeund so-
1 GeorgWilhelmFriedrichHegel,VorlesungenüberdiePhilosophiederGeschichte, in:Werke
XII., Frankfurt a.M.1970,S. 412.
2 MaxScheler,ÜberöstlichesundwestlichesChristentum,in:GesammelteWerkeVI.,hrsg.von
ManfredS.Frings,Bern1963,S. 99-114,hier: S. 111.
3 AdolfvonHarnack,DasWesendesChristentums,Leipzig1900, S. 150.
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Titel
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Untertitel
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Autoren
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Herausgeber
- Peter G. Kirchschläger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 722
- Kategorie
- Recht und Politik