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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
b)DieEucharistie, indersichdasWesenderKircherealisiertundoffenbart,
ist ein eschatologischerAkt.WieMetropolit Ioannis Zizioulas sagt, „die Iden-
tität,dasSein,dieOntologiederKircheisteschatologisch“.9Dieswirdprimär in
der eucharistischen Liturgie erlebt, wo alle kirchlichen Akte eschatologisch
werden.VordiesemtheologischenHintergrundistesleichtverständlich,warum
„Liturgie“ das Funktionieren des Lebens der Kirche in seiner Ganzheit be-
zeichnet.Dadas ganze LebenderKirche eucharistisch ist, ist auchdie soziale
Aktion der Kirche liturgisch, ihre Diakonie ist „liturgische Diakonie“. Man
spricht von der „Liturgie nach der Liturgie“, um dadurch die Zentralität der
Eucharistie im Leben der Kirche zu bezeichnen. Hier darf sich aber keine
SpaltungdeskirchlichenLebenseinschleichen.AlexandrosPapaderosbemerkt
treffend: Der Begriff „Liturgie nach der Liturgie“ kann dazu verleiten, „die
Diakonie als zweitrangig und inferior gegenüber demGottesdienstlichen der
Liturgie zu sehen. Daher ist es besser, von der liturgischenDiakonie zu spre-
chen“.10
Der starke „liturgische Impuls“ erlaubt es nicht, den sozialen Dienst der
Kirche als konkurrierend oder gar als antithetisch zu ihrem liturgisch-escha-
tologischenWesenanzusehen.DiechristlicheDiakonieistkeinZusatz,sondern
einwesentlicherAusdruckdeskirchlichenLebens. Siebewegt sich jenseits der
EntsozialisierungdesLiturgischenundderEntliturgisierungdesSozialen.„Der
WahreundangemesseneGottesdienst istOrthodoxieundOrthopraxiezugleich,
LobpreisGottesund liturgischeDiakoniedesMenschen“.11
EsistganzimSinnedieserAusrichtung,wenndieKirchedieSorgen,dasLeid
unddiebedrückendenProblemedesKirchenvolkesaufsichnimmt.„Siewendet
ihr Gesicht nicht ab vomHunger, von der Krankheit, von denÄngsten der
Menschen,auchnichtvonihren,oftblutigenKämpfenfürFreiheit“.12Hieristes
wiederum der eschatologische Geist der Eucharistie, der die Kirche von der
Säkularisierung rettet, indem er sie davon abhält, historische, politische und
kulturelle Formationen zu verabsolutieren. Es ist nicht vonungefähr, dass die
Eucharistie-zentrierteOrthodoxie, gegendieGefahrderSäkularisierung, stän-
dig„eschatologischeAntikörper“13zuentwickelnvermochte.
c)EinenbesonderenPlatz zwischendiesen„eschatologischenAntikörpern“
beansprucht das OrthodoxeMönchtum. Nach Georges Florovsky, kommt im
9 Ioannis Zizioulas, Kirche undEschata, in: PantelisKalaitzidis (Hg.), Kirche undEschato-
logie,Athen2003,S. 24–45,hier: S. 41 (griechisch).
10 AlexandrosPapaderos,AspekteOrthodoxerSozialethik, in: IngeborgGabriel /Alexandros
Papaderos /UlrichH. J.Körtner, PerspektivenÖkumenischerSozialethik.DerAuftragder
Kirchen imgrößerenEuropa,Mainz2005,S. 23–126,hier: S. 68.
11 Ebd., S. 67.
12 Zizioulas,KircheundEschata,S. 45.
13 Ebd., S. 41.
Wiesozial istdieOrthodoxeKirche? 177
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Titel
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Untertitel
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Autoren
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Herausgeber
- Peter G. Kirchschläger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 722
- Kategorie
- Recht und Politik