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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
Kirche hat eine reiche und tiefe theologische Tradition, große spirituelle Re-
serven,derenImplikationen fürdieBegegnungmitdenheutigenHerausforde-
rungenverwertetwerdenkönnen.
Auchheute istdieAntwortderKircheaufdieWeltdieTreuezuihrereigenen
Wahrheit,diekonsequenteEntfaltungihresgemeinschaftlichen,eucharistischen
undeschatologischenWesens.DieKirchemuss inder zeitgenössischenKultur
denGeistder „Wahrheit alsGemeinschaft“ inkarnieren,wodurchsienichtnur
kulturtherapeutisch, sondern auch kulturschöpferisch in Richtung einer soli-
darischenGesellschaftwirkenkann.UnseremoderneundpostmoderneWelt-
gesellschaft hat für ihren Zusammenhalt eineWertmitte nötig. Sie kann ihre
Einheit nicht alleindurch Internet und Information,nichtdurchWissenschaft
und Technologie, auch nicht durch Globalisierung, durch wirtschaftlichen
FortschrittundsozialeModernisierungsichern.25
HansMaierhatinseinemBuchWeltohneChristentum–waswäreanders?,auf
dierevolutionäreAnthropologiedesChristentumsverwiesen,die,andersalsdas
Modell griechischer „Wohlgeratenheit“, die Armen, Behinderten, Kranken,
Niedrigen, Besessenen einbezog, alteingesessene Hierarchien und völkische
SchrankenauflösteundeineKulturderBrüderlichkeitundderSolidarität fun-
dierte. Die wichtigsten humanen Errungenschaften in unserer Kultur, in Ge-
sellschaftundPolitik,beruhenaufdieserchristlichen„UmwertungderWerte“.
ImBlickaufdieheutigeEntwicklungzueiner „postchristlichen“europäischen
Kultur, stelltMaier folgendedringendeFragen:
„Wissenwir,obdieKulturdesSozialstaatsdenUntergangderNächstenliebeüberleben
würde?MüsstenichtdieSolidaritätmitdemNächstenverschwinden,wenndiesernur
noch der Fremde, der Andere wäre, der Konkurrent, ja der Feind? Kann es soziale
Verantwortung überhaupt noch geben, wenn das Leben selbst (der ungeborenen
Kinder,derAltenu.a.) inFragegestelltwird?GibtesnochMenschenrechte,wenndie
Menschheit und ihr Schöpfer in einem „Kampf der Zivilisationen“ aus dem Blick
geraten?“26
UnsereKirchenmüssenheuteundinallerZukunftderOrtjenerFreiheitbleiben,
derenKerndieLiebeist,die„nichtdasihresucht“(1.Kor. 13,5).Dasistsicherlich
keine „Ressentimentmoral“, die aus der Schwäche hervorquillt, wie Friedrich
Nietzsche es wollte,27 sondern Zeichen einer unermesslichen Kraft, die kein
Menschenwerk, sondernGottesgeschenk ist.
25 Vgl.HansKüng,Weltethos fürWeltpolitikundWeltwirtschaft,München1997,S. 195.
26 HansMeier,Welt ohne Christentum–waswäre anders?, Freiburg i.Br. 1999, S. 148–151.
27 Vgl. FriedrichNietzsche,ZurGenealogiederMoral, in:Werke II, hrsg. vonKarlSchlechta,
CarlHanser,München1969,S. 761-900,hier: S. 791–792.
KonstantinosDelikostantis182
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Titel
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Untertitel
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Autoren
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Herausgeber
- Peter G. Kirchschläger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 722
- Kategorie
- Recht und Politik