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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
jekt dadurch institutionellen Rückhalt, dass sie demMenschen Freiheit zu-
sprechen.Diese Freiheitmuss sozialkompatibel ausgestaltetwerdenundkann
deshalb nicht grenzenlos sein. Entscheidend aber ist, dass die Grenzen der
Freiheit nun nicht mehr wie zuvor durch Traditionen, Gewohnheiten, Ge-
schlechterrollen, Statuspositionenusw. gezogenenwerden, sondern sich ihrer-
seits amMaßstabderFreiheit orientieren.Eine legitimeGrenzederFreiheit ist
deshalb vor allemdie Freiheit der anderen – genauer: die gleiche Freiheitder
anderen. Freiheit undGleichheit gehören imMenschenrechtskontext systema-
tischzusammen.20Nur imGespannmitdemGleichheitsprinzipkanndasFrei-
heitsprinzipseineordnungsstiftendeFunktionentfalten.Historisch istdies ein
Novum.
Aus dieser emanzipatorischen Stoßrichtung der modernen Menschen-
rechtsideeergebensichimmerwiederSpannungenundKonfliktemitethischen
Traditionen; nicht selten sind solcheKonflikte zu regelrechtenKulturkämpfen
eskaliert, diemanchmalunvermeidlichgewesen seinmögen.Vielerorts finden
solcheKulturkämpfe auch in derGegenwart statt –mandenke nur an die oft
polarisierten Kontroversen über Genderfragen.Wer die sich hier auftuenden
Differenzenharmonisierendüberspieltodernichtwahrhabenwill, verbautsich
ein angemessenes Verständnis des modernen egalitären Freiheitsrechts. Die
konfliktträchtige Differenz zwischen modernen Menschenrechten und ethi-
schenTraditionenbildetdennochkeinevollständigeDichotomie; sie lässt sich
nicht als „Nullsummenkonflikt“ begreifen, in demdie eine Seite stets verliert,
wasdie andere gewinnt.VielmehrbergendieKonflikte auchLösungsmöglich-
keiten.DenndiemenschenrechtlichenKernbegriffefindensichvielfachschonin
traditionellen ethischen Vorstellungen – wenn auch meist mit sehr anderen
systematischenKonnotationenundKonstellationen.Diesgiltbeispielsweise für
die Idee derMenschenwürde, die Begriffe von Schuld und Gewissen, soziale
Gerechtigkeitsvorstellungen, spezifische Solidaritätserwartungen, unterschied-
licheRespekt-undFürsorgeverhältnisseoderdenRekursaufWiderstandgegen
Ungerechtigkeiten. Die im menschenrechtlichen Denken angelegte Abstand-
nahme(„Abstraktion“)gegenüber traditionellenEthosformenbirgtdaherauch
Chancen für eineWeiterentwicklung genaudieser Traditionen. ImLichtemo-
dernerMenschenrechtekanneine reflexiveDistanzentstehen,dieChancen für
reformerischeNeu-OrientierungenundfürdieWiederentdeckungtraditioneller
ethischer Potenziale birgt, die gleichzeitig neu akzentuiert und systematisch
zentriertwerdenkönnen.
Ein Beispiel bietet die bereits erwähnte KonzilserklärungDignitatis Hum-
anae.Wenn sie sich zur Begründung der Religionsfreiheit und andererMen-
20 Vgl.GerhardLuf,FreiheitundGleichheit.DieAktualitätimpolitischenDenkenKants,Wien-
Heidelberg1978.
HeinerBielefeldt274
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Titel
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Untertitel
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Autoren
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Herausgeber
- Peter G. Kirchschläger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 722
- Kategorie
- Recht und Politik