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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
loren, sondern wäre in seiner verbreiterten, in alle weltanschaulichen Felder
hineindiffundiertenFormletztlichauchgarnichtmehrerfüllbar.
IV.
Charakteristisch für denUmgang liberaler politischer Praxismit Problemfel-
dern, wie sie eben angesprochen wurden, ist es, explizite Positionen zu den
letztlich darin impliziertenweltanschaulichen Grundfragen zu vermeiden. Es
könnte sein, dass nun gerade darinmehr liegt als eine bloße Verlegenheit in
Ermangelung eines besser fundierten Umgangs mit unvermeidlicher weltan-
schaulicherPluralität.
Michelde l’Hipitalhat inseinemobenzitiertenPostulatwohlvorausgesetzt,
dass FragennachderMöglichkeit politischenZusammenlebens ablösbar sind
von der Frage, welches die richtige Religion sei. In Bezug auf die vielfältigen
weltanschaulichen Implikationen insbesondere (abernichtnur) gegenwärtiger
Fragen des politischen Zusammenlebens erscheint eine solche Ablösbarkeit
zweifehlhaft. Doch scheint sein Postulat auch noch ein anderes Moment zu
implizieren,das imKontextderDiskussionumMöglichkeitenundGrenzender
Toleranz verdeutlicht werden kann: Als politische Tugend impliziert Toleranz
durchauseineeigeneStellungnahmezujenenumstrittenenWahrheitsfragen,die
umderMöglichkeit politischen Zusammenlebens willen von einer verbindli-
chen politischen Entscheidung ausgenommen bleiben sollen. Um dieses Zu-
sammenlebenswillennimmtmanvielmehrinKauf,dassAuffassungen,dieman
selbst für falschhält, auchgesellschaftlicheWirksamkeit entfaltenkönnen.Das
unterscheidetToleranzalspolitischeHaltungvonweltanschaulicherIndifferenz.
Nun liegtdieFolgerungnahe,dassToleranzalspolitischeTugendzwar vom
einzelnen Bürger erwartet werden kann, das politische Gemeinwesen aber
weltanschaulicher Indifferenz verpflichtet seinmuss,weil bloßeToleranz eben
eigeneWahrheitsansprüche implizierenwürde, die es als politisches Gemein-
wesen selbst gar nicht erhebendürfte. Für Staat undPolitik ließe sichweltan-
schauliche Indifferenz jedoch nur insoweit verwirklichen, als sich die Recht-
fertigungpolitischenHandelnsrestlosaufPrinzipiengründenlässt,diesichvon
weltanschaulichenImplikationenkategorialablösenlassen.DieseNeutralität ist
allerdings,wie bereits angedeutet, immernur vorläufig undwird stets „einge-
holt“von jeneusichzeigendenweltanschaulichen IntuitionenundPrägungen.
Es gibt also keinen ultimativen Punkt, von dem aus sich Rechtfertigung von
Politik ineinemdefinitivweltanschauungsindifferentenZuschnitt leisten ließe.
SolchesbleibtdempolitischenProzess immernuralseinRegulativaufgegeben,
das selbst stetsweltanschaulichvermittelt ist.
PolitischeSäkularitätheute 301
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Titel
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Untertitel
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Autoren
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Herausgeber
- Peter G. Kirchschläger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 722
- Kategorie
- Recht und Politik