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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
das ausverhandelte Beitrittsabkommen mit den primärrechtlichen Beitritts-
voraussetzungen und dabei insbesondere mit der Autonomie der Unions-
rechtsordnung fürunvereinbarerklärthat.14DassdieEuropäischeKommission
mitdieserEntscheidungnichtgeradeglĂĽcklich ist,machteJean-ClaudeJuncker
in seiner Rede vor der Parlamentarischen Versammlung des Europarats am
19.April 2016deutlich:
„Die Europäische Union ist verpflichtet, dieser Konvention beizutreten – eine Ver-
pflichtung, die in unseren EU-Verträgen festgelegt ist. Lassen Sie mich klar und
deutlichsagen:DieserBeitritt,derBeitrittzurKonventionisteinepolitischePriorität–
fürdievonmirgeführteKommissionund fürmichpersönlich.Wirarbeitenaneiner
Lösungundwirwerdennichteher ruhen,biswireineLösunggefundenhaben.“15
DerGrundrechtsschutzstelltsichjedenfallsauchausreligiös-weltanschaulicher
Perspektive als einkomplexes, vielschichtigesGefĂĽgedar, indemdiverseVor-
gabender involviertenRechtskreisegleichsamgebĂĽndeltwerden.Dementspre-
chendheiĂźt esauchinArt. 6Abs.2EUV,dassdieUniondieGrundrechteachtet,
wiesiesichausderEMRKundausdengemeinsamenVerfassungsĂĽberlieferungen
derMitgliedstaatenalsallgemeineGrundsätzedesGemeinschaftsrechtsergeben.
EswurdenabernichtnurderGrundrechtsschutz imAllgemeinenunddamit
auchdieReligionsfreiheit imRahmendes „europäischenGrundrechtsverbun-
des“deutlichausgebaut,sonderneswurdeauchreligiösenInteressenindenvom
europäischenRecht erfasstenBereichenverstärktRechnunggetragen.DasGe-
meinschafts- bzw. Unionsrecht hat allerdings lange Zeit die Religionsgemein-
schaftenals institutionelleBezugs- undKristallisationspunkte religiöser Inter-
essenkaumindenBlickgenommen.Dies liegtdaran,dassdasGemeinschafts-/
Unionsrecht keine expliziten religionsrechtlichen Kompetenzen aufweist. Da
aber andererseits keine „Bereichsausnahme“vorliegt, d.h. keineExemtionaus
demGeltungsbereich des Unionsrechts, kommt es imHinblick auf den Cha-
rakterdesReligionsrechts als „Querschnittsmaterie“ inzunehmendemMaßzu
VorlageandenEuGHunterUmständenals eineVerletzungvonArt. 6Abs.1EMRKwertet,
dannistdaseinerseitsein„EuGH-freundlicherAkt“greiftaberandererseitsindasVerhältnis
zwischen EuGHundmitgliedstaatlichen Gerichten ein, was im Grunde genommen eine
Einmischung in die Unionsrechtsordnung bedeutet. Vgl. dazu denĂśberblick bei Ulrich
Haltern, Europarecht,Dogmatik imKontext II: Rule ofLaw–Verbunddogmatik–Grund-
rechte, 3.Aufl.,TĂĽbingen2017,Rn.418ff.
14 Vgl.dazuumfassendChristopherSchmidt,Grund-undMenschenrechteinEuropa.Dasneue
System des Grund- undMenschenrechtsschutzes in der Europäischen Union nach dem
InkrafttretendesVertrags vonLissabonunddemBeitritt derUnion zurEMRK, JusEuro-
paeum56,Baden-Baden2013,S. 63–114;DanielEngel,DerBeitrittderEuropäischenUnion
zur EMRK, Jus Internationale et Europaeum 110, TĂĽbingen 2015; Haltern, Europarecht,
Rn.1638–1646.
15 Vgl. http://europa.eu/rapid/press-release_SPEECH-16-1487_en.htm(letzterZugriff: 15.04.
2019).
DiePluralitätdeseuropäischenRechtsraumsunddasReligionsrecht 331
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Titel
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Untertitel
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Autoren
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Herausgeber
- Peter G. Kirchschläger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 722
- Kategorie
- Recht und Politik