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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
3. Österreichs (Nicht-)AnerkennungderAlevitenals indirekte
ParteinahmefürdieReligionspolitikderTürkei
ImanatolischenAlevismusbündelnsichverschiedenereligiöseTraditionen,wie
einsozial-revolutionärgedeuteterschiitischerIslam,einaufdieMystikdesHaci
Bektas Veli (13. Jahrhundert) zurückgehender Sufismus, sowie vorislamische
und auch christlich-gnostische Traditionen.22Die kritische Sicht der Aleviten
gegenüberZentralismusundHierarchie führte imOsmanischenReichzu jahr-
hundertlangerVerfolgungundUnterdrückung.AtatürksTrennungvonReligion
undStaat erleichterte die SituationderAlevitenund erklärt, warumbis heute
viele von ihnenAtatürk verehren. StaatlicheAnerkennunggewährte aber auch
derKemalismusdenAlevitennichtundsiebliebenweiterhin religiöserDiskri-
minierungausgesetzt.Dasgiltbisheutesofürdie15bis20MillionenAlevitenin
derTürkei.23Am26.April 2016urteilte der EuropäischeGerichtshof fürMen-
schenrechte, dass der türkische Staat gegen die Religionsfreiheit (Art. 9) und
gegendasDiskriminierungsverbot(Art. 14)inBezugaufdieAlevitenverstoße.24
DasSivas-Massaker von1993,beidemwährendeinesFestivals fürdenDichter
PirSultanAbdal (1480–1550)33Menschen–diemeistenvon ihnenalevitische
Intellektuelle und Künstler – von einem fundamentalistischen Mob getötet
wurden,wirkte alsKatalysator fürdieAleviten sich jenseits politischer Ideolo-
gien zu organisieren.25 In der Türkei beauftrage der damalige Staatspräsident
SüleymanDemirel denProfessor fürVölkerrecht und alevitischenFunktionär
I˙zzettinDog˘anmitderOrganisationderAleviten.Dog˘anhatsichseitherbemüht
denAlevismusengmitdemIslamzuverbinden, ja ihnsogar alsden„eigentli-
chen Islam“zuverstehen.26Dieser staatsloyaleVersuch einerRe-Islamisierung
wurdeabervonjenenalevitischenGruppenabgelehnt,diesichalseigenständige,
vom Islamweitgehend unabhängige Religion verstanden. Diese Polarisierung
setztesichauchinEuropafort,wodasSivas-MassakerebensozurGründungvon
alevitischenVereinenbeitrug.
22 SusanneHeine / Rüdiger Lohlker / Richard Potz,Muslime inÖsterreich. Geschichte, Le-
benswelt, Religion.Grundlagen fürdenDialog, Innsbruck 2012, S. 89–91; vgl.Ursula Spu-
ler-Stegemann, IstdieAlevitischeGemeindeDeutschlande.V. eineReligionsgemeinschaft?
Religionswissenschaftliches Gutachten erstattet demMinisterium für Schule, Jugend und
Kinder des Landes Nordrhein-Westfalen, Marburg 2003; Zeynep Arslan, Eine religiöse
EthniemitMulti-Identitäten. Die europäisch-anatolischenAlevit_Innen auf demWeg zur
InstitutionalisierungihresGlaubenssystems,Religionswissenschaft26,Wien2016,S. 18–42.
23 Klissenbauer,RingenumReligionsfreiheit, S. 146.
24 HandanAksünger,ZurSituationderanatolischenAleviten inDeutschlandundÖsterreich,
in:ÖsterreichischerIntegrationsfonds(ÖIF)(Hg.),IslameuropäischerPrägung,Wien2017,
S. 161–181,hier: S. 171.
25 Arslan,Ethnie,S. 111–114.
26 Arslan,Ethnie,S. 162.
WolfgangPalaver352
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Titel
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Untertitel
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Autoren
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Herausgeber
- Peter G. Kirchschläger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 722
- Kategorie
- Recht und Politik